Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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ENTWURF ZU EINEM PRODUKTIVEN STADION

Dar 'hier abgebildete Entwurf zu einem soge-
nannten produktiven Stadion verdankt zu einem
wesentlichen Teile seine Entstehung der Anregung
des Fabrikbesitzers und Kunstsammlers Alfred
Heß in Erfurt. Bei der Diskussion über einen
vom Verfasser im Frühjahre begonnenen neuarti-
gen Stadionentwurf wurde vonseiten dieses in-
dustriellen Praktikers das wirtschaftliche Moment
stark in den Vordergrund gestellt mit der Erwä-
gung, ob eis nicht möglich sei, die gegenwärtig
infolge ihres riesigen Bauaufwandes unproduk-
tiven, d. Ih. fast ausnahmslos mit Unterbilanz vege-
tierenden Stadionanlagen in der Weise „produk-
tiv" zu machen, daß der Zuschauerraum der
Stadien in Zukunft Nebenprodukt von Nutzbauten
sein würde. Es sollten also gewissermaßen die
Dächer von Werk-, Büro-, Sport- usw. Bäumen
zugleich die Stadionzuschauerterrassen abgeben.
(Erinnert sei bier an die Autorennbalm der Fiat-
Werke, Italien, auf den Dächern der Fabrik.)
Der Zuschauerraum größerer Stadien faßt ca.
30 bis 50 000 Menschen, die Tribünen bedürfen
also einer riesigen Stützkonstruktion, die sich nur
hei den Sportfesten rentiert, sonst aber bohes An-
lagekapital zum größten Teile dauernd unverzinst
läßt. Kurz, die Stadien sind beute in der Regel
ebenso große Schmerzenskinder der Kommunen,
besonders des Westens, wie die Planetarien, die
Messen, die Ausslellungsbauten und anderes mehr.

Gegenwärtig wird die Außenwand der Tribünen
dem Lichleinfalle entsprechend nur etwa in einer
Tiefe von 6 bis 10 Meter nutzbar gemacht. Bei
einer Schnitliefe bis zu 50 Meter und einer Tri-
bünenablauffläche bis zu 60 Meter Tiefe bedeu-
tet das eine 12- bis 20prozentige Ausnutzung des
notwendig konstruktiv sehr starken Unterbaues,
während man doch darauf hinarbeiten muß, einer
lOOprozentigen iNulzflächenauswertung des Unter-
baues möglichst nahezukommen, also eine 80- bis
90prozentige Verwerlungs- und Verzinsungsmög-
lichkeit der konstruktiven Anlagen zu erzielen.

Der vorliegende Entwurf schaltet einen brei-
ten konzentrischen Lichtgraben ein, der mit radial
vorlaufenden Einschnitten in Verbindung ge-
bracht worden kann. Er bewegt zur Verbesserung
des Lichteinfalles ferner den Grundriß der äuße-

ren Fensterwand unter einem 45-Grad-Winkel in
rhythmischen Abschnitten, deren Kulmination je
ein Treppenhaus betont, das zu den oberen Tri-
bünenplätzen emporfü'hrt. Er hat ferner damit
begonnen, die jahrhundertallen Erfahrungen des
Theaterbaues in bezug auf Silzanordnung und
Baumauswertung auch dem Sladionbau nutzbar
zu machen, indem u. a. die Plätze nicht in einer
einzigen steigenden Ebene nach dem Vorbilde an-
tiker Stadien angelegt sind, sondern durch über-
einandergreifende Tribünen die Zuschauermassen
meihr an das zentrale sportliche Ereignis heran-
gebracht werden. Gerade dieser dritte Punkt kann
in Verbindung mit obigen Maßnahmen wahr-
scheinlich noch viel stärker zur Debatte gestellt
werden, zumal die Bautiefe der Tribünen dadurch
wesentlich verringert werden kann, ebenso also
auch der Bauaufwand. Bei den Bängen des
Theaterbaues ist jeder Zuschauer möglichst nahe
an die Bühne herangebracht, jeder Baum unter
den Tribünengeschossen fast restlos ausgewertet.

Das Stadion der Gegenwart dagegen folgt noch
durchaus dem völlig anders gearteten klassischen
A orbilde: Wir konstruieren mit ungeheurem Auf-
wände in unseren nordeuropäischen Ebenen die
Talmulde von Olympia in Eisenkonstruklion nach,
wir entfernen den Zuschauer beinahe absichtlich
vom sportlichen Geschehen und wir vermehren
durch die Anordnung eines riesigen ovalen Par-
kettes die Baukosten und den verlorenen Baum
des Unterbaues um ebenso riesige Ziffern, die
durch die sommerlichen Einnahmen gelegent-
licher Sportveranstaltungen an den Wochenenden
naturgemäß nicht annähernd verzinst werden kön-
nen. Es ist der Wunsch dieser Publikation, daß
sie den Anstoß geben möge zu einer Neuformung
des Stadions nach den Bedürfnissen und den Mög-
lichkeiten unserer Zeit, unseres Klimas, unserer
Technik und nicht zuletzt jener Erfahrungen, die
seit einigen tausend Jahren gemacht worden sind
bei dem Versuche, im Thealerbau einen möglichst
engen Kontakt zwischen dem Spiel, den Spie-
lern und der Masse der Zuschauer herzustellen.
Und das nicht nur aus akustischen Gründen, son-
dern mindestens so sehr aus optischen Bedingt-
heiten. Denn letzten Endes ist ein Stadion dem

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