Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

Page: 36
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1928/0046
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Entwurf in die Tat umzusetzen, und daß nun
nicht deshalb, weil sein Entwurf vielleicht
um ein geringes höhere Kosten erfordert,
ein anderer gewählt wird, der nur darum
wohlfeiler sein kann, weil er auf eine end-
gültige Gestaltung verzichtet. Denn es ist
eine Frage von größter Wichtigkeit für die

Gestaltung der zukünftigen Welt: ob es ge-
lingt, die stärksten Kräfte der Baukunst
auch für rein technische Aufgaben nutzbar
zu machen, und dadurch auch diese Auf-
gaben im Sinne einer lebendigen Formung
zur vollkommensten Lösung zu bringen.

W. Riezler

FORM UND FORMALISMUS IN DER BAUKUNST

Die Bauten, die wir in diesem Hefte ab-
bilden, gehören, wie uns scheint, drei Stufen
des baukünstlerischen Schaffens an und
sind daher sehr wohl geeignet, Anlaß zu
grundsätzlichen Erörterungen zu sein.

Die Bauten von Oud können uns besser
als irgend etwas, was heute sonst gebaut
wird, zeigen, was nun wirklich unter jenem
heute so viel gebrauchten Begriff der
„Sachlichkeit" zu verstehen ist. Die reizen-
den Worte, die Oud selbst dazu geschrieben
hat, umschreiben den Begriff erschöpfend
und erlauben uns unter keinen Umständen,
daran zu zweifeln, daß für ihn in der Tat
die „Sache" und nur diese, d. h. die Rück-
sicht auf den Zweck des Hauses, wie er sich
aus den Lebensnotwendigkeiten der Be-
wohner und aus den Forderungen der Um-
gebung ergibt, maßgebend ist, und daß an
,,Kunst" dabei gar nicht bewußt gedacht
wird. Das ist ja nun im Grunde genau die
Einstellung, die man, wenn man tiefer
blickt, in allen großen Kullurepochen (bis
zur Renaissance, die allerdings begonnen
hat, bewußt „Kunst" zu machen) als herr-
schend voraussetzen muß. Da muß ein Ver-
gleich der Ergebnisse dieses „Wachsen las-
sens" sehr interessant sein, wobei man na-
türlich von den großen Aufgaben der Ver-
gangenheit, wobei der „Zweck" an die tief-
sten Dinge der Menschheit, an die religiöse
Erhebung vor allem, rührte, absehen und
sich auf die entsprechenden Aufgaben, also
etwa den Bau von „kunstlosen" Wohnhäu-
sern, beschränken muß. Die Beziehungen
sind unmittelbar zu sehen, und man hat ja
auch vor allem in alten Wohnstraßen sehr
häufig den Eindruck absoluter „Sachlich-
keil". Freilich gibt es auch des Trennen-
den genug: man findet in den alten Straßen

ein „.Gefühl", das man bei den neuen Häu-
sern vergeblich sucht, man sieht hier eine
ausgesprochene Nüchternheil, die man zu-
erst nur auf den absoluten Mangel an
Schmuckformen zurückführen möchte, die
aber doch wohl in Wirklichkeit vor allem
in dem einzigen begründet ist, das unsere
Zeit ganz allein aufzuweisen hat: in dem,
was Oud den „Standard" nennt. Der „Ty-
pus" herrschte auch früher in der Baukunst,
und zwar spielte er eine um so größere
Rolle, je einfacher die Aufgabe war; nur
zum kleinen Teil war das der Ausdruck
eines Stilgefühls, das keine individuelle
Form ertrug, zum größeren die Folge von
äußeren Vorschriften, die in der Sitte, in
der Lebensform, in rein praktischen Forde-
rungen begründet waren. Aber vom „Ty-
pus" bis zum „Standard" ist noch ein wei-
ter Weg: der erstere gestattet alle Freiheit
bei der Ausführung des einzelnen, bleibt
auch da wirksam, wo die handwerkliche
Ausführung im einzelnen Freiheiten und
Abweichungen mit sich bringt, der letztere
verneint jede solche Freiheit, so daß die
Form nun erst in der Tat schematisiert und
dem exakten Maß unterworfen zu sein
scheint. Wenn sie trotzdem noch lebendig
wirkt, wie es bei den Bauten von Oud ganz
zweifellos der Fall ist, so liegt das eben
daran, daß sie ein Künstler, d. h. ein
Mensch von echtem Gefühl für Propor-
tionen und für Einzelform, auch für die
Natur der Baustoffe, überhaupt für die
technische „Qualität" gestaltet hat. Diese
Künstlerschaft muß da, wo die lebendige
Wirkung der handwerklichen Ausführung
nicht mehr in Betracht kommt, stärker, in-
dividueller, und in gewissem Sinne auch
„bewußter" sein als früher nötig war —

36
loading ...