Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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Vom Fallreep gelangt man in ein Vesti-
bül. Alle Wände sind Vitrinen. Wo es an-
gängig ist, in Fluren, Treppenhäusern, Ka-
binetten: Vitrinen mit schönen Dingen, ge-
eignet, die Kauflust der reichen Frau zu
reizen und Propaganda für die berühmten
Läden der Rue de la Paix zu machen.

Das hochentwickelte Luxusgewerbe
Frankreichs feiert hier Triumphe. Man be-
wundert, kauft und wird vorbereitet auf die
Köstlichkeiten von Paris.

In den Räumen schwere kostbare Tep-
piche, reiche Möbel mit hübschen Webe-
reien. Alles modern, im neuesten „French
style". Handwebereien an den Wänden zei-
gen in stilistischer Spielerei die Wunder der
Kolonien. Algier—Tunis— Riskra. Und in
teuren Luxuskabinen zaubert Poiret einen
ganzen Urwald mit Affen und Papageien
auf köstlichen Strohhalm-Intarsia-Wänden.

Man zeigt dem reichen, amerikanischen
Freunde, was Paris kann. Und der Ameri-
kaner, mit feinem Instinkt für alles Neu-
artige und Lebendige begabt, sieht, kauft
und bestellt.

Man gehe durch New York und sehe, wie
oft sich der Einrichtungszauber der ,,Ile de
France" vervielfältigt hat.

Eine ausgezeichnete Idee, diese Ile de
France im modernen „French style". Kul-
turpropaganda von vorn, glänzendes Ge-
schäft von hinten.

Warum klammerten sich ausgerechnet
die deutschen Schiffsgesellschaften an die
„französischen Stile" und überließen es
Paris, der Welt ein Schiff zu schenken, das
letzten Endes der deutschen Bewegung mo-
derner Einrichlungskunst und seinem Ein-
fluß das Entslehen verdankt?

Bruno Paul

RUNDSCHAU

BEMERKUNGEN ZUR
INTERNATIONALEN AUTOMOBIL-AUSSTELLUNG

Die noch immer wachsende Bedeutung des
Kraftwagens für unsere Zeit läßt sich kulturge-
schichtlich kaum mit etwas anderem vergleichen.
Tiefere Umwälzungen haben wohl die Übersee-
Schiffahrt und die Feuerwaffe bewirkt; die Breite
des Interesses war vielleicht, bei sehr viel stärke-
ren Widerständen, beim Aufkommen der Eisen-
bahn ähnlich; heute aber ist die breiteste Öffent-
lichkeit in einer Weise aufmerksam auf den
Kraftwagen — natürlich neben allen Flugmöglich-
keilen —, die doch erstaunlich ist. Es handelt sich
ja schließlich nur um ein Fortbewegungswerkzeug,
das im ganzen nicht schneller und in der Mehrzahl
der Fälle teurer ist als die doch vorhandene Eisen-
bahn. Einen hohen Prozentsatz von Snobismus
oder auch von natürlichem Geltungstrieb zuge-
standen, kann man endlich doch nur eine Kombi-
nation von zwei Gedankengängen als mögliche Er-
klärung gelten lassen: jeder wartet fiebernd auf
den Moment, wo — bei stets wachsender und
durch Serienherstellung stets billiger werdender
Produktion — das Preisniveau auch ihm erlaubt.

seinen Wagen anzuschaffen, — um dann gegen die
Fahrpläne und Strecken der Eisenbahn und Stra-
ßenbalm seine individuellen Bewegungswünsche
durchzusetzen.

Bei dieser Situation war die Internationale
Automobil-Ausstellung, die erste ihrer Art seit
dem Kriege in Berlin, durchaus ein sensationelles
Ereignis. Die Zahl der Besucher war ein hohes
Vielfaches der Zahl der Kaufkräftigen oder gar
der Kauflustigen. Dabei wurden einzelne billige
Wagen zu Tausenden, Wagen mittlerer und selbst
oberer Preislagen zu je einigen Hunderten ver-
kauft, und die Industrie erwartet weit um-
fangreichere Nachbestellungen aus dem Handel.
Was ja angesichts der teuren Anlagen, die zu
verzinsen und zu amortisieren sind, nur zu wün-
schen ist.

War die Ausstellung ein Erfolg, mindestens für
den Kraftwagen an sich und bis zu einem gewis-
sen Grade auch speziell für die deutsche Industrie,
so können einige kritische Bemerkungen um so
weniger übel aufgenommen werden. Sie richten

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