Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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WOHIN FÜHRT DAS NEUE BAUEN:

KUNST UND STANDARD

Aus der „Neuen Züricher Zeitung" vom 9. September 1927

Sie bitten mich, einiges zu sagen über das wir heute eine erleben, weiß ich solche

Thema „Wohin führt das neue Bauen: Selbstlosigkeit zu schätzen; immer wieder

Kunst und Standard." Das Thema ist wirk- habe ich meine Freude am Idealismus,

lieh nicht leicht: ich habe nicht den Mut, selbst, wenn er umgekehrt auftaucht, so wie

mit großen Worten zu antworten. hier.

Ein Freund von mir, ein bekannter russi- Wie gesagt aber: ich bin so nicht, im

scher Maler und Architekt, schrieb mir ein- Reellen kann ich da nicht mit. Ich will,

mal: „Wir machen unsere Arbeit gewissen- daß man es in meiner Wohnung bequem

haft, besorgen sie bis zu den kleinsten Ein- hat, sei es denn, wenn es sein muß, auf

zelheiten, ordnen uns der Aufgabe völlig Kosten dieses Idealismus. Bei mir soll man

unter, denken nicht an Kunst, und siehe - gut sitzen und Licht und Luft haben, und

eines Tages ist die Arbeit fertig und erweist rein soll es auch sein.

sich als — Kunst!" Tck jJm zwar niclH für die Alleinherr-
So scheint es mir mit dem Bauen zu sein. schaft des Standards — es gibt mehr wich-
Ich weiß nicht, ob die Welt in Zukunft bloß (ige Dinge in der Welt, und die Natur soll
vom Standard regiert werden wird (ohne auch dort, wo sie zum Standard zwingt,
Standard wird sie aber sicher nicht regiert lebendig in die Erscheinung treten —; der
werden!); ich weiß nicht, ob es in der Zu- Standard aber hat viele Vorteile; er ist bil-
kunft nur Bauen oder auch Kunst geben Hg und gut, korrigiert sicli immer. Die
wird. Ich weiß es nicht und, offen gestan- Standardtüren und -fenster, die Standard-
den, es interessiert mich nicht. Ich tue stühle und-tische sind besser, durchgearbei-
meine Arbeit so, wie ich meine, daß ich teter und erprobter als das Einzelprodukt,
sie als ehrlicher Mensch tun soll, d. h. ich Soll ich meinem Bauherrn diese Vorteile
opfere die Bequemlichkeit und das Kapital vorenthalten?

meines Bauherrn nicht dem Geschmack ver- Die Natur in ihrer Selbstverständlichkeit

gangener Jahrhunderte, erblich belasteten hat immer recht §ie paßt eg dem gesunden

Vorübergängern und Besuchern zuliebe. ginne immer am besten gehen in der Welt

Ich versuche einfach, ihm ein reelles, gutes gie hat ung den Standard gebracht. Sollten

Haus zu schaffen, worin er es behaglich hat. wir da naseweis sein und ihn zurückweisen?

Ich bin nicht sehr idealistisch veranlagt: ich Ich bin kein Idealist ; ich gene meinen

überlasse es den Passeisten, ihr tätiges Wßg so> wiß Mutter flatur mir diesen am

Leben nach toten Formen zu richten. Ich ieichtesten begehbar zeigt; ich benutze und

habe des Leben gerne so, wie es ist; liebe es: ergreife aneS; was sie mir aus ihrer natür-

schön oder unschön, doch lebendig. Ich Hchen Triebkraft heraus bietet,

lasse es gerne fließen, so, wie es eben fließt, ^.^ dies ^ B{men? ^ mr

und möchte es nicht von der müden Sehn- ^ ^ darüber wirkHch

sucht weltabtrünniger Träumer in seinem auseinandersetzeno Seien wir großzügig!

Lauf stören lassen. Überlassen wir vorläufig die Kunst den

Ich bin voller Bewunderung für Herrn ruckNvartsschauenden Idealisten: der Hei-

Meyer, wenn er den Idealismus so weit ma,kuns, ünd dem Heimatschutz, dem

treibt, daß er den Löwenköpfen und der Kunstgewerbe und der Volkskunst. Sie

weiteren Zier seines Sessels zuliebe sich ein iiaj)en scjlon s0 viei Unbequemlichkeit

Extra-Dienstmädchen leistet ; mir wird's wogen uirer unglücklichen Liebe!

warm ums Herz bei der auflodernden Be- ^ ^ , Wjjr ^ _ ich denke

geisterung fürs schräge Dach, weil ich so- ^ meinen russischen Kolle.

viel Unpraktisches nie mit so kollektivem _ ^ eines dflß ^

Idealismus hingenommen geglaubt halte. ^^g^ auch Kunst gemac]lt haben.
Zwar kann ich bei solchen Dmgen nicht mit,

doch in einer Zeit des Materialismus, wie J.J.-P.Uud

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