Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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durch die Freiheit ihres Wachstums diese Funk-
tion nur ganz ungefähr empfinden lassend. Wie
weit liegt die Zeit zurück, da die Blume in ge-
schweifte Arabesken gepreßt wurde! aber unsere,
in ihren echtesten Äußerungen wenigstens, ist dem
Geheimnis des ewig Werdenden näher in ihrem
Bescheiden.

Die Gefahr, daß der räumliche Gedanke, d. h.
das Empfinden im Ganzen, zu sehr von der lie-
benswürdigen oder gewalttätigen Übermacht der
einzelnen ...Gartenschönheit'' verdrängt werden
könnte, muß natürlich immer im Auge behalten
werden, und nie darf man den Garten der Lei-
denschaft eines noch so kultivierten Staudenzüch-
ters überlassen, der stets dem Fehler des Spe-
zialisten, dem Überschätzen der eigenen Welt, an-

2 PS SIEMENS-
BODENFRÄSER,

das heute schon

Gartenelemente:

Die wesentliche Form unserer Dinge entsteht
unwillkürlich, unbewußt. Ihre Behandlung kann
deshalb hier ausscheiden. Die allein objektiv
denkbare Zweckform ist in Wirtschaft und Tech-
nik, also in Angewandtem begründet. Aber auch
diese Formvorstellung scheint relativ, insofern, als
sie nicht einmalig, sondern vielfältig, wachsend
auftritt. Form ist etwas Flüssiges; nur unserem
räumlich gebundenen Auge scheint sie zeitweilig
fest. Man muß auf die Elemente zurückgehen.

Was ist nun Gartenform? In unseren bisheri-
gen hauptsächlichen Gartentypen (Landhausgärten

heimfallen wird. Nur Menschen können wirklich
Gärten schaffen, d. h. die zwei auseinanderlau-
fenden Formwillen zu einer Steigerung zusammen-
binden, nur Menschen, die zunächst architekto-
nisch die Welt erleben und der drängenden Fülle
der Pflanzenwelt gegenüber gelassen genug blei-
ben, um sie überlegen im Plan an der richtigen
Stelle einzusetzen, dort aber durch Gewähren aller
günstigsten Bedingungen höchste Steigerung her-
beiführen. Straffheit des formenden Gedankens,
Üppigkeit des wachsenden Triebes: aus diesen Ele-
menten gestaltet der heutige Garlenkünstler sein
Werk in einem besonnenen Bausch, und so ent-
geht er der unweigerlichen Langeweile des rein
formalen Planens wie der haltlosen Spielerei mit
Bluinenspezialitälen. Hermann Heuss

und öffentliche Gärten) erscheinen die Elemente
der Gartenform verschüttet. Sie sind nur in den
^ orbildern von Urgärten, wie in den orien-
talischen, noch klar erkennbar. Der Kleingarten
der Neuzeit ist nun mindestens formal ein sol-
cher Urgärten und aus ähnlichen daseinstechni-
schen Tatsachen entstanden, nie jene: dem Nutzen.
So ist die A\ lederentdeckung des Nützlichen, des
Bationalen im Garten die Geburlsslunde neuer
Gartenform.

Das Thema des Kleingartens ist besonders ge-
eignet, die ganze Gartenfrage grundsätzlich auf-
zurollen, weil <]{■:■ Kleingarten als Massentyp das

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