Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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DIE GEFAHRDUNG
DER STUTTGARTER KUNSTGEWERBESCHULE

Gegen die Stuttgarter Kunstgewerbesehule,
eine der blühendsten und bedeutendsten Anstal-
ten dieser Art in Deutschland und damit über-
haupt, ist ein Angriff von einer solchen Heftig-
keit erfolgt, wie er unseres Wissens in der ganzen
Geschichte des Schulwesens einzig dasteht. Daß
in Städten, wo neben der Kunstgewerbesehule eine
Kunstakademie besteht, diese letztere mit dem
ganzen Gewicht ihres altbegründeten Ansehens die
jüngere Schwesteranstalt bekämpft und zu unter-
jochen sucht, ist nichts Neues, und der Kampf
hat ja bekanntlich vor einigen Jahren in dem viel
besprochenen Münchener Falle mit der einstwei-
ligen Niederlage der Kunstgewerbeschule, die der
Akademie unterstellt wurde, geendigt. Aber dem
^\'ürtlembergischen Landlag liegt augenblicklich
der Antrag vor, die Stuttgarter Kunstgewerbe-
schule völlig aufzulösen und an ihrer Stelle einer-
seits die Fachschulen, andererseits die xVkademie
weiter auszubauen.

Die Begründung dieses überraschenden Antrags
— doppelt überraschend, nachdem die Schule erst
in diesem Sommer in einer großen Ausstellung
ihre Leistungen der Öffentlichkeit unterbreitet
und damit weit über das Land hinaus Eindruck
gemacht hatte und nachdem das Kultusministe-
rium in einer ausgezeichneten Denkschrift den
ganzen Komplex der Fragen eingehend behandelt
hatte — ist uns nicht im einzelnen bekannt. So-
viel wir wissen, wirft man der Schule künstle-
rischen Dilettantismus, modische Oberflächlich-
keit und Unklarheil des Lehrziels vor, geht aber
noch viel weiter und spricht überhaupt dem Typus
der Kunstgewerbeschule als einer durch die Ent-
wicklung längst überholten Einrichtung jede Da-
seinsberechtigung ab. Für die technische Ausbil-
dung der „Kunstgewerbler" könne die Fachschule
viel besser sorgen, und was man im Kunstgewerbe
an eigentlich künstlerischen Formen benötige, —
das könne man ja ohne Schwierigkeit von der
Akademie oder vielmehr von den dort ausgebilde-
ten Künstlern beziehen.

Man sieht, die Kunstgewerbeschule ist zwischen
zwei Feuer geraten. Auf der einen Seite steht
die Fachschule, hinter ihr die große Macht des
Gewerbes, vor allem der Großbetriebe, die dem
neuen Geiste, der auf den Kunstgewerbeschulen
allmählich immer mehr erstarkt, mißtrauisch ge-

sinnt ist, weil er ihr die ruhige geschäftliche
Entwicklung zu stören scheint. Es ist ganz rich-
tig, daß eine gut geleitete Fachschule sehr vieles
zu leisten vermag; das beweisen unter anderem
die Schulen von Solingen, Bunzlau und Landshut.
Es sind das Anstalten, die sich im Grunde nur
dadurch von den modernen Kunstgewerbeschulen
unterscheiden, daß sie einseilig nur einer be-
stimmten Technik dienen, so daß also mehrere
derartige Schulen unter einen künstlerischen
Leiter vereinigt, eine ausgewachsene Kunstge-
werbeschule ergäben, — wie anderseits manche
Klasse einer Kunstgewerbeschule, etwa die ausge-
zeichnete Klasse für Innenarchitektur eben an der
Stuttgarter Schule, so organisiert ist, daß sie die
Aufgaben einer Fachschule voll zu übernehmen
imstande wäre. Aber dieses Nebeneinander der
verschiedenen Werkställen, dieser allgemeine
künstlerische Geist macht ja gerade das Besondere
der Kunstgewerbeschule aus, macht sie zur Er-
ziehungsställe jener ausgesprochenen künstleri-
schen Talente, die sich zwar nicht der sogenannten
„freien" Kunst widmen wollen, die sich aber auch
nicht von vornherein für ein ganz bestimmtes
Handwerk entschließen wollen, — während auf
den Fachschulen auch für den nicht eigentlich
künstlerisch begabten Handwerker Baum sein
muß. Deswegen scheint uns, von der Seite der
Fachschulen aus gesehen, die Kunstgewerbesehule
doch unentbehrlich zu sein.

Auf der anderen Seite aber läuft die Akademie
Sturm — die Annahme, daß von dieser Seite aus
der heftigste Angriff erfolgt, wird nicht fehl-
gehen, — und hinter ihr steht, was nicht ganz
leicht zu begreifen ist, immer noch ein großer
Teil der öffentlichen Meinung. Wie liegen die
Dinge in der Tat? An den Akademien wirken
Lehrer von hohem künstlerischem Bang und, we-
nigstens seit dem Kriege, von oft recht wenig
„akademischer" Haltung. Nicht nur wirtschaft-
liche Erwägungen, die Sicherstellung durch den
Gehalt und die Annehmlichkeit der freien und
meistens sehr schönen Ateliers läßt sie den Buf
annehmen, sondern in den meisten Fällen auch
der Wunsch, zu lehren, d. h. junge Talente durch
Mitteilung ihrer eigenen Erfahrungen zu fördern.
Man sollte meinen, daß diese glücklichen Um-
stände auf die bildende Kunst unserer Zeit för-

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