Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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dernd einwirken müßten. In Wirklichkeit ist aber
von einer echten Befruchtung der Kunst durch
die Akademien nicht das mindeste zu spüren.
Wohl hat mancher junge begabte Künstler dort
von seinem Meister etwas gelernt, — aber dann
ist es niemals der Geist der Akademie gewesen,
sondern nur der Einfluß einer besonderen Per-
sönlichkeit, und dieser wäre genau so stark ge-
wesen, wenn man, dem Vorschlag von sehr ver-
nünftigen Männern folgend, die Akademien auf-
gelöst und an ihre Stelle einzelne Meislerateliers
gesetzt hätte, die dann nur wenigen besonders Be-
gabten zugänglich wären. Abgesehen von diesen
sehr seltenen einzelnen verlassen die Akademien
alljährlich Hunderte von kleinen Talenten, die
dort wohl gelernt haben, „Bilder zu malen", —
für deren Erzeugnisse aber nicht das mindeste
Bedürfnis besteht, die daher nur das trostlose
Künstlcrproletariat zu vermehren bestimmt sind.
Es ist schon oft mit vollem Recht gesagt worden,
daß der Staat dadurch, daß er die Akademien
alten Stils aufrecht erhält, eine große Anzahl
von Menschen einem traurigen Hungerdasein aus-
liefert. Denn es ist ja nicht so, daß die Schwie-
rigkeit, ein Bild heute zu verkaufen, nur die Folge
der augenblicklichen wirtschaftlichen Notlage ist:
vielmehr liegt es an der ganzen kulturellen Ent-
wicklung, daß der „Bedarf" an Werken der
„freien Kunst", vor allem der Malerei, immer
mehr abnimmt. Wenn die Akademien einstmals
als Werkzeuge der absoluten Fürsten, die die
Künstler für ihren eigenen Bedarf arbeiten ließen,
entstanden, so hatten sie auch später noch, nach
dem Aufhören der absoluten Fürstenmacht, die
nicht unwichtige Aufgabe, für diejenige Produk-
tion zu sorgen, die nach dem Herzen des mehr
oder weniger wohlhabenden Bürgertums war.
Wenn auch die wirklich bedeutende Kunst all-
mählich sich immer mehr außerhalb des akademi-
schen Betriebes, bald in schärfster Gegnerschaft
zu ihm, entwickelte, so bestand doch noch das
lebhafte Bedürfnis nach einer harmlosen Kunst,
das durch die auf den Akademien handwerklich
tüchtig geschulten kleinen Talente sehr wohl be-
friedigt werden konnte. Dieses Bedürfnis stirbt
mit jedem Jahre mehr ab, und damit schwindet
jede Berechtigung zur Unterhaltung umfang-
reicher Kunstschulen, soweit diese sich rein auf
das Gebiet der „freien' Kunst beschränken. Sollte
wirklich, wie es manchmal den Anschein hat. an
Stelle des absterbenden Bedürfnisses nach dem
freien Tafelbilde — um dieses handelte es sich
im wesentlichen bei den bisherigen Akademien —
ein neues nach einer „angewandten" Malerei (und
Plastik), sei diese nun mehr dekorativer oder aber
echt monumentaler Art, treten, so wird die Aka-
demie dieses Bedürfnis nur befriedigen können,
wenn sie sich umstellt, und zwar genau in der
Richtung, in der heute schon die Kunstgewerbe-
schulen arbeiten.

So gering der Einfluß der Akademien auf das
sichtbare Kunstleben ist, so groß ist der der
Kunslgewerbeschulen. Auf Schritt und Tritt be-
gegnen wir deren Wirkungen. Ein neues Ge-
schlecht von Kunsthandwerkern wächst heran, die
Gestallung der neuen Wohnung ist zu einem
guten Teile ihr Werk, mit jedem Jahre dringt
der Geist des neuen Kunstgewerbes tiefer ein in
das Gewerbe, ja es ist, man muß das ominöse
Wort schon aussprechen, so etwas wie ein neuer
„Stil" im Entstehen, an dessen Wachstum die
Kunstgewerbeschule großen Anteil hat: jede neue
Ausstellung zeigt die Wirkungen stärker und ein-
dringlicher. Und es ist so, obwohl noch keines-
wegs alle Kunstgewerbeschulen sich dem neuen
Geiste geöffnet haben, obwohl da und dort das
alte „.kunstgewerbliche" Unwesen noch recht
üppige Blüten treibt.

Diese Entwicklung wird in der Tat auch von
den Feinden nicht übersehen; sie wird nur als
gefährlich, ja verhängnisvoll bekämpft. Viele sehr
ernst gesinnte Künstler bekämpfen sie, weil sie
von dem kunstgewerblichen Stil eine Schwächung
der Beziehung zur „Natur" — der einzigen ge-
sunden Quelle aller Kunst — befürchten. Diesen
ist zu sagen, daß, wenn wirklich die Kunst sich
mehr und mehr von der Darstellung der Natur
lösen sollte, dies nicht die Schuld der Kunslge-
werbeschule wäre, und daß dann auch die größte
Anstrengung der Akademie nichts dagegen errei-
chen könnte. Es ist möglich, daß der neue kunst-
gewerbliche Stil, der alle Unvollkommenheiten
des Werdenden an sich hat, ein Symptom dieser
Abkehr von der Natur ist, — vielleicht bedeutet
er aber auch nur ein neues Verhältnis zur Natur,
indem er nicht das Abbild, sondern das innere
Wesen der Dinge und Stoffe selber zu gestallen
sucht.

\ erbreitet er und mächtiger aber ist die Geg-
nerschaft aller derer, die dem Neuen, das sie nicht
verstehen, an sich abgeneigt sind, weil sie dahin-
ter irgendwelche gefährlichen Mächte wittern. Sie
kämpfen mit allen Mitteln, und um so erbitterter,
je stärker ihnen die neue Macht zu sein scheint.
Und sie haben auf ihrer Seite das gesamte Spie-
ßertum. Dieser Gegnerschaft hat sich offenbar
die Stuttgarter Kunstgewerbeschule zu erwehren.
Wir hoffen, daß sie den Kampf siegreich be-
stehen wird, d. h., daß sie sich weiter frei ent-
falten kann, ohne daß ihr Arbeitsfeld in der Rich-
tung auf die „hohe" Kunst zu ängstlich begrenzt
wird. Die Frage, ob daneben eine selbständige
Akademie auf die Dauer wird bestehen können,
braucht im Augenblick nicht entschieden zu wer-
den. Vielleicht wird schon in wenigen Jahren
klarer als jetzt zu sehen sein, was die künstleri-
sche „Einheitsschule" vom Typus der „Kölner
Werkschulen" zu leisten imstande ist. Wir aller-
dings glauben, daß diesem Typus die Zukunft
gehört. R.

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