Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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und so sehen wir doch schließlich, daß
zwar das Streben des modernen Architek-
ten nicht eigentlich auf die ,,Kunst" gerich-
tet zu sein braucht, daß aber sein Werk
doch nur gerade so weit lebendig ist, als es
aus einem echt „künstlerischen" Sinne ge-
boren ist, als auch das „Talent" daran An-
teil hat.

Es ist auf den ersten Blick zu sehen, daß
Erich Mendelsohn mit einer ganz anderen
Absiebt an eine Bauaufgabe herangeht.
Wenn auch die neue Arbeit, die wir von
ihm abbilden, „nur" ein Umbau ist, so
zeigt sie doch die Art seines Schaffens deut-
lich genug: er geht aus vom „Künstleri-
schen", von der „Form", die er in einer
außerordentlich intensiven, phantasievollen
Weise erlebt und deren Verwirklichung er

— nicht etwa auf Kosten der „Sachlichkeit"

— erzwingt, auf die er aber doch auch da
nicht verzichtet, wo, wie etwa bei der Umge-
staltung der (ursprünglich eisernen) Treppe,
in der „Sache" keine Notwendigkeit gerade
dieser Formung gelegen war. Es ist ein Zei-
chen für die innere Gesundheit dieses star-
ken, in früheren Stadien seiner Entwick-
lung (beim Mosse-Umbau z. B.) zweifellos
durch einen Hang zur Willkür gefährdeten
Talents, daß die „Form" seiner Bauten nun
immer reiner in der „Sache" aufgeht, so
daß die rein sachlichen Teile der Aufgabe
mit der formalen Uösung nun ganz ohne
Widerspruch zusammengehen, daß nun das
temperamentvolle, zugleich elegante und
musikalische Formenspiel dieser Bauten
immer mehr als der natürliche Ausdruck
des Inneren, des baulichen Organismus er-
scheint. Und es ist zugleich ein Zeichen für
die nahende Beife des „neuen Stils", daß
nun auch aus den Arbeiten dieses früher
oft wie frei und sehr subjektiv Phantasie-
renden alle Subjektivitäten geschwunden
sind, daß man seine Arbeiten nur mehr an
einer gewissen schwingenden Eleganz er-
kennt, — und daß sich diese Bauten auch
mit solchen, wie es die Oudschen sind, also
mit Arbeiten von sehr gegensätzlichem
Temperament und ganz anderer Ent-
stehungsart, doch zu einer zeitlichen Ein-
heit zusammenzufügen.

Die dritte Gruppe unserer Bilder ist nun
freilich sehr anderer Natur: es sind Bei-

spiele von neuen Bauten der Beichspost,
und sollen zum Beweise dafür dienen, daß
auch dort nun in „modernem" Sinne gebaut
wird. Es ist keine Frage: wenn man an die
traurige Bolle denkt, die die Bauten der
Post noch vor drei Jahrzehnten spielten —
es gibt kaum eine schöne norddeutsche
Stadt, in der nicht einer der schönsten
Plätze durch den Bau der Hauptpost hoff-
nungslos verdorben ist! —, so muß man
sich über das Erreichte freuen; wie ja über-
haupt heute schon manche Behörde sich von
dem öden Schematismus des früheren
öffentlichen Bauwesens losgemacht hat.
Man kann auch aus den abgebildeten Bau-
ten — die allerdings wohl eine Auslese und
nicht etwa den Durchschnitt der Postbau-
ten darstellen — sehen, daß es heute bereits
so etwas wie eine formale Konvention im
Bauen gibt, die sich übertragen läßt und
die eine gewisse Einheitlichkeit der neuen
Städtebilder gewährleistet. Daß den meisten
dieser Bauten eine besondere künstlerische
Originalität nicht zukommt, ist freilich
nicht zu übersehen — auch wenn man so
reizvolle, in ihrer Ungewöhnlichkeit über-
raschende Lösungen, wie es die Dachgestal-
tung des neuen Berliner Fernsprechamts ist,
durchaus anerkennt —; wichtiger und be-
denklicher ist, daß sich an vielen dieser
Bauten ausgesprochen „.formalistische"
Einzelheiten finden, modische Portallösun-
gen, Deckengestaltungen usw., die nicht nur
„unsachlich", sondern auch im eigentlichen
Sinne äußerlich und daher für die spätere
Wirkung der Bauten höchst verhängnis-
voll sind. Es gibt eben in der Tat
noch keine Einzelform, vor allem keine
Schmuckform, die man ohne weiteres Von
einem Bau auf einen anderen übertragen
kann, — nur die große Anlage, die Ein-
fachheit und Schmucklosigkeit sind heute
schon „Stilelemente", mit denen man ohne
weiteres arbeiten kann. Alles andere ist
heute noch nur dem einzelnen „.Talent" zu-
gänglich und steht daher einer endgültigen
Stilbildung, der wir oft schon nahe zu sein
glauben, eher im Wege, als daß es sie unter-
stützte.

Im übrigen wollen wir gerne glauben,
daß die Post als eine Behörde von andern
Behörden, als da sind vor allem die Pro-
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