Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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treten, wenn sie soweit gereift und erprobt sind,
daß sie bereits wirtschaftliche Erfolge gezeitigt
haben. So wichtig derartige Ausstellungen sind.,
so bergen sie doch die Gefahr in sich, daß sie dem
Gebiet, das sie behandeln, auf eine lange Zeit hin
ihren Stempel aufprägen, und daß unter ihrem
Schein neue Ansätze, die während ihrer Ausstel-
lungsdauer noch nicht in Erscheinung getreten
sind, verdunkeln und ihre Entwicklung hemmen.

Eine ganz andere Ausslellungsidee hat in zwei
Ausstellungen des Werkbunds Form gefunden.
Die Ausstellung „Die Form ohne Ornament" und
die Stuttgarter Ausstellung „Die Wohnung".
Beide Ausstellungen haben absichtlich das meiste
von dem, was bei einem konstatierenden Quer-
schnitt herausgekommen wäre, beiseite gelassen
und versucht, den Finger auf ganz bestimmte For-
men zu legen, die eine Lösung in einem Sinn
eines wichtigen Problems darstellen. Man hat nicht
nur aus der Masse des Vorhandenen das ausge-
sucht, was der Ausstellungslendenz am besten ent-
spricht, — besonders in Stuttgart 1927 ist das der
Fall gewesen — man hat der Verkörperung der
Idee wegen die Gestaltung aus der Idee heraus
entwickelt. Darauf beruht letzthin die ungeheure
Schlagkraft dieser Ausstellungen, die sicher grö-
ßer ist, als es die der Kölner Ausstellung von
1914 gewesen wäre, wenn sie sich hätte voll aus-
wirken können.

Man sollte sich, wenn man jetzt an die Gestal-
tung der Ausstellung ,,Die Neue Zeit" 1932 heran-
geht, im Werkbund ganz grundsätzlich die Frage
vorlegen, welchen Weg man gehen will. Man
kann, so wie das frühere Ausstellungen getan
haben, einen Querschnitt legen, kann streng jurie-
ren, und nur das Allerbeste und Reifste zulassen.
Man könnte aber auch im Sinne der Stuttgarter
Ausstellung — nicht in ihrer Form — die Aus-
stellung schaffen, anstatt sie zusammenzutragen,
indem man ihr einen großen geistigen Orientie-
rungspunkt in die Zukunft hinein gibt und dieses
Zielpunkts willen sie schaffen. Ihr Name „Die
Neue Zeit" kann nach beiden Richtungen hin ge-
deutet werden. Man kann zeigen, welche Formen
für unsere Zeit charakteristisch sind, man könnte
aber auch versuchen, die wesentlichen Ideen der
Zeit herauszuholen und für sie Formen zu schaf-
fen, die, mögen sie auch noch nicht vom Leben
so erprobt sein, ein bedeutendes Stück in die Zu-
kunft weisen. Man dürfte dann allerdings nicht
vom Material oder vom Gebiet ausgehen, indem
man gliedert nach Maschinenbau, Textil, Elek-
troindustrie, Architektur, sondern man müßte in
den Mittelpunkt der Ausstellung den neuzeitlichen
Menschen mit seinen Bedürfnissen stellen. Auch
in Stuttgart ist man vom Bedürfnis des Wohnens
ausgegangen. So müßte man sich in Köln fragen,
welches sind die überragenden geistigen Bedürf-
nisse des modernen Menschen und welche For-
men muß man für diese Bedürfnisse neu
schaffen?

Das würde ein wertvolles Gegengewicht bieten
gegen all die Ausstellungen, die uns die Erzeuger

heute vor Augen führen, und die überwiegend
von der Struktur der Wirtschaft und der Fabri-
kation aus bestimmt sind. Die Wechselwirkung
zwischen menschlichen Bedürfnissen und der
Eigenart der Struktur und Produktion soll nicht
geleugnet werden, aber da es Wechselwirkungen
sind, muß auch jene andere Seite einmal stark
in den Vordergrund gerückt werden: Das, was
der heutige Mensch vom Leben verlangt.

Nicht was gelöst, sondern was noch als Problem
vor uns steht, ist wichtiger. Die Ausstellung, die
unsere Generation schafft, muß mehr Fragen stel-
len als Antworten geben. Den Mut zu dieser Be-
scheidenheit müßten wir aufbringen.

Nur angedeutet seien einige Dinge. Man könnt«
ein Theater bauen, auf dem eine antike Tra-
gödie ebenso aufgeführt werden kann, wie ein
Schillersches Drama oder ein Piscatorstück, in dem
sogar exotische Truppen auftreten können. Man
könnte sich aber auch denken, daß man versuchen
würde, im Verein und Zusammenarbeit mit den
jüngsten Kräften der Bülmenschriftsteller, der
Schauspieler, der Regieführenden, dem Theater
von morgen eine ganz neue, seinem Wesen ent-
sprechende Form zu geben. Anstatt alle guten
illustrierten Bücher zu sammeln, sollte man ver-
suchen, den Typus des illustrierten Buches zu
schaffen, den unsere Zeit braucht, die lebendige
Einheit von Bild und Text in inhaltlichem, nicht
formalem Sinn. Man kann städtebauliche Lösun-
gen zeigen, man kann aber auch einmal in ganz
großer Form all die großen sozialen, technischen
und wirtschaftlichen Probleme als Einheit zusam-
men gesehen zur Anschauung bringen. Statt for-
mal architektonischer Bildungen, die nur Teil-
lösungen sind, sollte das Problem des Städtebaues
als Frage vor dem Betrachter stehen.

W ichtig wäre allerdings Eines. Daß man vom
reinen, nackten Bedürfnis abgeht und die Idee
der zweckgemäßen Form etwas größer faßt und
nach der geistigen Seite orientiert. Man sollte
etwas derb ausgedrückt nicht fragen, wie ermög-
licht man dem Menschen ein möglichst bequemes
faules Dasein, so daß er für alles nur auf einen
Knopf zu drücken braucht, sondern indem man
nach den geistigen Begriffen fragt und alle
Mechanik dem unterordnet. Geistig in diesem
Sinn hat nichts mit literarisch erworbener Bil-
dung zu tun, sondern soll heißen, den Menschen
frei machen zu voller Betätigung aller körper-
lichen, geistigen Kräfte, im Rahmen des Ganzen,
und ihm helfen, durch Beherrschung der Mecha-
nik seine Sinne frei zu machen für Leben, Um-
welt und Mitwelt. Unsere Ausstellungen haben
uns viel gezeigt von Handwerk, Technik und Indu-
strie, von ihren Bedürfnissen, Vorzügen und Er-
rungenschaften, aber sie haben uns nichts gezeigt
von dem Menschen, der alle diese Dinge beherr-
schen soll. Wenn man ausspricht: „Die Neue
Zeit", so sollte man immer denken an einen neuen
Menschentyp, der in dieser Zeit steht und sie
nach sich zu formen sucht. Lötz

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