Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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liehst mit Antiquitäten oder mindestens mit Stil-
naehahmung, aber nicht, weil, wie Hugo Häring
kürzlich in einem Vortrag gesagt hat, die große
internationale Gesellschaft sich mit möglichst un-
persönlichen Dingen umgeben will, sondern, weil
die Antiquitäten Mode sind und weil sie einen grö-
ßeren Wert besitzen, also eine gute Kapitalsanlage
darstellen. Es ist geradezu eine Ironie, daß der
Kunstkritiker der gleichen Tageszeitung das Pla-

kat der Stuttgarter Werkbundaussl eilung als Dar-
stellung einer falschen Sachlage bezeichnet hat,
weil Zimmer, wie das auf dem Plakat durch-
kreuzte, durch die Arbeilen der Generation von
Riemerschmid und Paul überholt seien. Er hätte
sich in der Beilage seiner Zeitung überzeugen kön-
nen, daß das dargestellte Zimmer noch ein recht
zaghaft gewähltes Beispiel für die wirkliche Sach-
lage war. W.

QUALITÄT UND AMERIKANISCHE WARENHÄUSER

Die deutschen Warenhäuser der größeren Städte
sind immer mehr bestrebt, mit größerer Assortie-
rung auch die Waren einzubegreifen, die in die
ursprüngliche Tendenz der Warenhäuser nicht
Iiineinpassen, die sich durch besondere Qualität
auszeichnen. Es ist doch bemerkenswert, daß man
im Warenhaus Wertheim in Berlin in einer be-
sonderen Abteilung, die die nicht gerade geschickt
gewählte Bezeichnung Volkskunst trägt, Orefors-
gläser, Bauhausarbeiten, beste Erzeugnisse kera-
mischer Werkstätten und andere hochwertige
kunslgegenslände findet. Auch in ihren anderen
Abteilungen sind die Warenhäuser bestrebt, hoch-
werlige Markenartikel, die man bisher nur im
Spezialgeschäft fand, darzubieten. Während aber
die deutschen Warenhäuser möglichst danach
trachten, alle Waren von der billigsten und
schlechtesten bis zur dauerhaften und guten zu
führen, macht sich bei den amerikanischen
Warenhäusern ganz deutlich die Tendenz bemerk-
bar, die Qualität der Waren zu heben und immer
mehr nur zum Vertrieb guter Waren überzugehen.
Während die Deutschen die guten Waren auch
führen, wollen die Amerikaner die schlechte Ware
durch die gute ersetzen. Sehr bezeichnend ist der
amerikanische Ausdruck für dieses Bestreben:
to grow up in qualitv. Der Amerikaner ist über-
haupt bestrebt, vor allem die einsichtigen Kreise
der dortigen Industrie, auch die formale und ge-
schmackliche Seite der Waren zu fördern. Kürz-
lich war das Mitglied einer amerikanischen Stu-
dienkommission in Deutschland, um den Gründen
nachzugehen, warum die deutschen Erzeugnisse
besser sind als die amerikanischen. Er richtete
vor allen Dingen sein Augenmerk auf unsere ge-
werblichen und kunstgewerblichen Bildungsanstal-
ten, weil er darin eine besonders gute Maßnahme
zur Förderung der geschmacklichen Seile der Er-

zeugnisse sah. Ein weilerer Beweis ist die Tal-
sache, daß man in Amerika nach dem Vorbild des
Deutschen Werkbundes eine Organisation gründen
wird. Professor Jäckh ist gebeten worden, an der
Gründung teilzunehmen. Ein großes New Yorker
Warenhaus ha! im Mai vorigen Jahres eine Aus-
stellung von europäischem Kunstgewerbe gemacht,
allerdings nur von solchen Erzeugnissen, die in
Amerika zu greifen waren. In diesem Jahr soll eine
ähnliche Ausstellung veranstaltet werden, für die
ausgewählte Gegenstände aus Europa hinüberge-
schickt weiden sollen. Dieses erhöhte Interesse
der amerikanischen Warenhäuser für das euro-
päische Kunstgewerbe zeigt sich weiter darin,
daß die amerikanischen Warenhäuser besondere
Einkäufer für Kunstgewerbe in Deutschland und
Frankreich anstellen. Um geschmacklich gute
Erzeugnisse aufzukaufen, geht die Warenhaus-
leitung sehr geschickt vor, indem sie ihren Ein-
käufern besonders geschulte künstlerische Beiräte
gibt, die fast ausschließlich Frauen sind. Man
wcilj sein- wohl, daß die Einkäufer zumeist nur
rein kommerziell eingestellt sind, und daß ihnen
der Sinn für geschmackliche Werlo abgehl. Diese
sogenannten style advisers sind wieder organisiert
in höherstehende, die die großen Einkaufs- und
\ erwaltungs-Direktoren zu beraten haben, und
solche, die die herumreisenden Einkäufer be-
gleiten.

Diese Tatsachen sind nicht nur interessant, weil
sie zeigen, wie das große Warenhaus ein sehr wich-
tiger Faktor für die Hebung des allgemeinen Ge-
schmacks werden kann, sondern weil sie auch zei-
gen, wie der Amerikaner immer mehr erkennt,
wie wichtig die formale Qualität für den Verkauf
der Waren ist. Diese Erkenntnis ist dort nicht
geboren aus Idealismus, sondern aus reiner kom-
merzieller Einsicht. jj

BUCHBESPRECHUNGEN

Wenn ein so bekannter Verlag wie die Franck-
sche Verlagsbuchhandlung W. Keller <(■ Co., Stutt-
gart, die sich besonders auf dem Gebiet der popu-
lären Naturwissenschaft ein großes A erdienst er-
worben hat, es unternimmt, eine Reihe herauszu-
geben, die dem Haus und der Hauswirtschaft ge-
widmet ist, so darf man erwarten, daß von die-
sen Büchern eine bedeutende Auswirkung auf die

breite Masse ausgehen wird. Um so größer ist die
Verantwortung, die sich der Verlag auferlegt.

Wir sehen, daß in dieser Reihe der Kosmos-
hausbücher Hilde Zimmermann ein Buch über
„Haus und Hausrat" herausgegeben hat, danach
Frau Dr. Erna Meyer ein Buch ..Der neue Haus-
halt", dann Bruno Taut „Ein Wohnhaus" und zu-
letzt Paul Schultze-Naumburg „Das ABC des

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