Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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wir von dem sagenhaften Rosengarten, den König
Childebert seiner Gemahlin Llligolo anlegen ließ.
Die dann später an Klöstern und Edelsilzen ent-
stehenden Garten bekamen durch die von Karl
dem Großen im Capitidare de Yillis aufgezählten
und vielfach von Italien eingeführten Pflanzen
einen neuen Charakter. Schüchtern wagten sich
nun schon einige Gartenkunstformen hervor. Zu
deren richtiger Beurteilung ist es erforderlich, die
Freude des Germanen am spielerischen Gestalten
zu berücksichtigen. Alle Kunstäußerungen waren
Zeugen eines naiven, ganz auf sich gestellten ur-
sprünglichen "\ olkes. Auf den Garten übertragen
würde man sagen müssen, daß er seinen Garten
nicht wie die orientalischen \'ölker. baute, son-
dern pflanzte; ihm war im Garten nicht das For-

kaum schon bestanden haben. Die späteren Bur-
gen aus Stein, die im Gegensalz zu den . romani-
schen unregelmäßig und dem Gelände angepaßt
erbaut waren, umschlossen dann im Zwinger den
meist als Rosengärtc'hen ausgestatteten Burggar-
ten. So berichtet schon um das Jahr Tausend
Notker von dem ..bluomengarlen'', in dem „rosa
und de ringelen und violae waclisent". —

Der Bürgergarten entwickelte sicli in rascher
Folge aus den Arzeneigärten, die sich Gelehrte
und Apotheker da und dort anlegten. Die Ge-
schichte erwähnt hier 1489 den Garten des Kano-
nikus Mariensüß auf der Dominsel in Breslau
und 1525 den Arzeneigärten des Arztes Hcnricus
Cordus zu Erfuit. Der bedeutendste Arzeneigärten
seiner Zeit war wohl der des berühmten Konrad

..DAS
PARADIES-
GÄRTLEIN"

Mittelrheinischer
Meister um 1420

male, sondern das pflanzliche Individuum das Be-
stimmende. Bezeichnend für diese Art der Gar-
tengestaltung sind viele spätere Gartendarstellun-
gen, in denen man sieht, wie die einzelne Pflanze
auf kleinen Beeten gezogen wird, um sich ja recht
eingehend in ihre liebevolle Betrachtung versenken
zu können. Träger einer fortgeschrittenen Gar-
tenkunst waren dann in erster Linie die Klöster.
Hierüber entstand bald eine aufschlußgebende
Gartenliteratur. So besingt Purchardi in seinen
Carmen de Gestis Witigowones einen Klostergar-
ten, und der gelehrte Polyhistor Rhabanus Maurus
vergleicht in einem Lehrgedicht den Garten mit
dem Paradiese. Ein besonderer Anteil an der Gar-
tenkultur des frühen Mittelalters fällt den reichen
Klöstern in Bayern und Schwaben zu. Alle diese
Klostergärten waren streng geometrisch aufgeteilt,
doch machen sich frühzeitig schon Ziergartenfor-
men bemerkbar. Die weltliche Gartenfreude fand
ihre erste Stätte im Burggarten. An den hölzernen
germanischen Wohnburgen um 300 dürfte er

Geßner in Zürich 1560. Auch diese Gärten waren
streng geometrisch gegliedert, jedoch noch ohne
irgendwelche Beziehung zum Hause. —

Schon Anfang des 13. .Jahrhunderls entstanden
unter Einwirkung der Handelsbeziehungen zu den
auf dem Gebiete der Gartenkunst viel weiter vor-
geschrittenen Ländern, wie Italien und Holland,
die ersten Bürgergärten reicher Handelsherren.
Die enggeschachlelte mittelalterliche Stadt bot nur
selten Platz für Hausgärten, weshalb diese mei-
stens außerhalb der Stadtmauer in Verbindung
mit einem kleinen Lusthause errichtet wurden.
So wurde schon im Jahre 1274 vom Rat der Stadt
Hamburg ein besonderes Erbebuch für Gärten
angelegt, in welchem eine ganze Anzahl nach-
mals bekannter Bürgergärten Erwähnung finden.
Doch auch in Frankfurt, Augsburg und Nürn-
berg entstanden nun Bürgergärten in einer eigen-
tümlichen Mischung holländischer und italieni-
scher Gartenformen. Die rasche Verbreitung der
Buchdruckkunst - - um 1480 haben bereits 23

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