Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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die Stimmen gewisser Großinleressenten zu Wort
kommen, während die Redaktion — wenigstens in
den besseren Fällen — schweigt.

Nun, das Bauen ist ein Geschäft, und die
Zeitung ist ein Geschäft, oder soll wenigstens eines
sein. Gut, und wer nicht im luftleeren Raum lebt,
weiß, daß mit dem bloßen Idealismus und ohne
handgreifliche materieUe Interessen nichts Großes
in der Umgestaltung der handgreiflichen materiel-
len Welt geleistet wird. Aber wie in der ernst-
haften Presse immer der Grundsatz gegolten hat,
die geschäftlichen Interessen des Verlages und die
Haltung der Redaktion in einer für beide Teile
erträglichen Weise zu trennen, so sollte es doch
wohl auch hier sein. Statt dessen kann man —
nicht in Winkelblättchen, sondern in angesehenen
Zeitungen — heute Beilagen sehen, die durchaus
den Eindruck einer redaktionellen Arbeit machen
sollen, in denen aber der Sachkenner ohne wei-
teres die bezahlte Propaganda einflußreicher
Industriegruppen, und zwar ohne eigene Stellung-
nahme der Redaktion, erkennt.

Gewiß: für manche neuen Dinge ist oft kein
zuverlässiger Informant zu finden, der nicht zu-
gleich Interessent wäre. (Interessent für oder
gegen — Beispiel: ein neuer sehr billiger Bau-
stoff wird vom Hersteller empfohlen, von Real-
kreditinslilulen bekämpft wegen der Sorge um

den Wert ihrer älteren Hypotheken — aber wer
weiß etwas Zuverlässiges?) Aber für solche Fälle
gibt es die bekannten Methoden der Rundfrage,
der Artikel pro und contra; und weil schon
Dr. Lötz auf Amerika hingewiesen hat: dort löst
man solche Probleme so, daß der Interessent offen
als solcher auftritt, was z. B. dem Handelsteil
amerikanischer Zeitungen seine wohltuende
Durchsichtigkeit verleiht.

Einzelheiten und Namen auszusprechen, ist
nicht der Zweck dieser Glosse, da uns nicht um
Sensation, sondern um Besserung zu tun ist. Es
kann sich auch nicht darum handeln, nun etwa
„übelzunehmen"; der Verleger macht natürlich
sein Geschäft so gut er kann, und die Kollegen
Redakteure haben es schwer genug und meist auch
sicher keine Schuld. Keine positive Schuld — un-
schuldig sind sie eben leider auch nicht ganz. Sie
haben sich in den Fällen, von denen wir sprechen,
einen Einbruch des verlegerischen Interesses in
ihr Arbeitsgebiet gefallen lassen, wahrscheinlich,
weil sie selbst sich nicht rechtzeitig nach Infor-
mation, eigenem Urteil oder geeigneten Mitarbei-
tern auf diesem ihnen fremden Gebiet umgetan
haben. Was bisher vereinzelt vorgekommen ist,
zeigt doch aus vielen Gründen die Tendenz, sich
rasch auszubreiten, und so sollte denn in bester
Absicht gewarnt werden.

ZEITUNGSKIOSK Foto: H. Collisonn

Entwurf: Ferdinand Kramer, Hochbauamt der Stadt Frankfurt a. M.

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