Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DEKORATION

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architekt fritz oross. wohnung b.

speiseraum und geöffneter sekretär

DIE KUNST DES WOHNENS. Die vom Architek-
ten gesetzten »Ordnungen« zwischen den Teilen
eines Raumes bilden den »Rhythmus des Raumes«.
Ihm steht der »Lebens-Rhythmus des Bewohners«
gegenüber, dessen Dasein — unabhängig vom Raum
betrachtet — einen von der Persönlichkeit und den
Bedingungen der täglichen Arbeit bestimmten Ver-
lauf nimmt. Dem konstanten Raum-Rhythmus ge-
genüber verändert das Leben täglich seinen Rhyth-
mus; zwischen beiden erklingen bald Harmonien,
bald Kontraste, bald Dissonanzen.

Wohnen ist das Erleben dieser Zusammenklänge;
Behaglichkeit ist deren Harmonie. Vollkommene
Wohnlichkeit zu erreichen ist die Aufgabe des Be-
wohners, indem er die Arbeit des Architekten fort-
setzt und richtig wohnt, das heißt: den ihm vom
Architekten gelieferten Wohn-Apparat zu bedienen,
zu verwenden, zu beherrschen versteht, seine Mög-
lichkeiten derart ausnützen kann, daß Mißklänge
zwischen Leben und Raum beseitigt werden.

Das ist auf zwei Arten möglich: man paßt den
Raum dem Leben an — oder umgekehrt. Die
erste Lösung verlangt vom Architekten als Voraus-

setzung einen anpassungsfähigen, das heißt verän-
derlichen Raum. Bewegliche Möbel, verschiedene
Vorhänge zur Teilung, verschiedene Beleuchtungs-
und Verdunklungs-Möglichkeiten. Der Mensch mit
Wohnkultur weiß sie richtig zu verwenden, weiß mit
ihnen jeweils den Raum herzustellen, Gegenstände
und Menschen so zu gruppieren, das Licht so zu
verteilen, daß das Wohnen behaglich wird.

Aber die Kunst des Wohnens ist mehr! Die wech-
selnden Harmonien, Kontraste und Dissonanzen zwi-
schen den Rhythmen des Raumes und des Lebens be-
deuten Konflikte, Verwicklungen im räumlichen Da-
sein des wohnenden Menschen; ein räumliches
Drama, das der Mensch täglich erlebt, und dessen Ex-
position der Architekt geschaffen hat. . Kunst des
W o h n e n s, das ist: dieses Drama wohnend als Kunst-
werk gestalten, die Wohnung und sich beherrschen,
aktiv und bewußt den Ablauf der Konflikte und Lö-
sungen bestimmen und genießen. Die Kunst des Woh-
nens ist nicht erlernbar; sie entsteht von selbst im
raumempfindlichen Bewohner, der Künstler wird,
Dichter, Schauspieler und Regisseur zugleich seines
eigenen Wohnens. . dipl.-ing. franz löwitsch.
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