Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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KUNST UND NATION

VON MAX OSBORN

Von dem Augenblick an, da am Ende des vorigen
Jahrhunderts unter dem machtvollen Einfluß der
Geistesströmungen und Formgedanken, die damals
die europäische Luftschicht erfüllten, die freien und
angewandten Künste in Deutschland neue Wege der
Betätigung suchten, haben die Erörterungen über
diese Zusammenhänge nicht aufgehört. Mehr als je
zuvor steht heute die Frage im Vordergrund, wieweit
die Beschäftigung mit der Kunst anderer Länder, die
Einwirkung fremder Anregungen einer Phantasie-
schöpfung von nationalem Gepräge zuträglich sei.

Bei den künstlerischen Kämpfen und Debatten, die
sich während des letzten Jahrzehnts ablösten, spielte
dieser Gesichtspunkt fortwährend eine Rolle. Man er-
lebte die seltsamsten Mißverständnisse. Sobald neue
Ideen auftauchten und Anhänger fanden, erklang von
der Seite derer, die zum Weiterschreiten noch nicht
bereit waren, der Vorwurf der »Ausländerei«, gestützt
darauf, daß sich ringsum Parallel-Erscheinungen be-
obachten ließen. Diesen Anklagen trat sodann auf der
anderen Seite die Anschauung entgegen, daß nur im

Anschluß an die allgemeinen Bewegungen, die keine
Landesgrenzen kennen, das Heil zu suchen sei.

Diese Übertreibungen von hier und dort haben die
Situation verwirrt. Es gilt, die Begriffe neu zu klären.
Das Kunstschaffen eines Volkes, das sich nach außen
ängstlich abschließen, gleichsam eine geistige »Aut-
arkie« pflegen wollte, würde sich genau so in eine
Sackgasse verrennen, wie eine wirtschaftliche Autarkie
die Entfaltung der gewerblichen Volkskräfte lähmen
würde. Aber eine Kunst, die sich hemmungslos frem-
den Vorbildern zu unterwerfen bereit wäre, würde
der Gefahr ausgesetzt sein, sehr bald den Zusammen-
hang mit dem Boden, auf dem sie steht, zu verlieren.

Es ist keine Frage, daß wir in Deutschland im
letzten Menschenalter dieser Gefahr nicht immer ent-
gangen sind. Es hat Zeiten gegeben, wo zum Beispiel
die Schätzung der modernen französischen Malerei
zu äußerlicher Nachahmung und, fast noch schlim-
mer, zu einer ästhetischen und spekulativen Bevor-
zugung auf dem Kunstmarkt führte, die auf unser ein-
heimisches Schaffen schwer drückte. Indessen nichts

FRITZ GROSS-WIEN. AUFRISS UND ORUNDR1SS DES SOMMERHAUSES Dr. M. IN KLOSTERNEUBURG
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