Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

Page: 271
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1933/0285
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKOR ATI 0 N

271

SIEGFRIED THEISS - HANS JAKSCH ANDERE SEITE DER LEDIGEN WOHN UNO

JUNGGESELLENWOHNUNG VON GESTERN UND HEUTE

Unter »Wohnung« verstand man bisher immer nur
jenen, den Wohn- und Wirtschaftszwecken ge-
widmeten Lebensraum, in dessen Bereich sich die
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktionen
der Familie, und nur dieser, erfüllten. Junggesellen-
wohnungen in der Art der modernen Ledigenwoh-
nung gab es, obwohl es seit jeher Junggesellen gab,
keine. Was man früher als Junggesellenwohnung be-
zeichnete, die sogenannte »Garconwohnung«, war
eine für die Zwecke des Junggesellenlebens einge-
richtete 2- oder 3-Zimmerwohnung, die ursprüng-
lich für den Familiengebrauch bestimmt war. Da gab
es in der Küche den mächtigen Kohlenherd, im
Badezimmer den Kohlenbadeofen, in den Zimmern
die zwar gemütlichen, großen, aber umständlich zu
bedienenden Kachelöfen.

Der, mangels jeglichen technischen Komforts, zu
wirtschaftlicher Hilflosigkeit verurteilte Junggeselle
mußte seine Zuflucht zur Wirtschafterin oder einem
anderen dienstbaren Geist nehmen. Für die meisten
Junggesellen blieb aber als Lösung der Wohn- und
Wirtschaftsfrage nur das Surrogat der Untermiete
und der Pension übrig.

Erst die Fortschritte der modernen Heimtechnik
durch die Verwendung von Gas und elektrischem
Strom ermöglichten es, auf kleinster Fläche jene in

sich geschlossene Wohn- und Wirtschaftssphäre zu
schaffen, wie sie die moderne Ledigenwohnung dar-
stellt. Gas- oder elektrischer Rechaud in der Koch-
nische, Zentral- oder Gasheizung im Wohnraum,
Heißwasserautomat, elektrischer Kühlschrank usw.
gestatten nun, die Inanspruchnahme weiblicher Hilfs-
kräfte auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Sah man in dem Junggesellen früher einmal den
Mann, dem zu seiner Ergänzung die »bessere Hälfte«
fehlte, worunter nicht nur die seelische, sondern auch
die wirtschaftliche Ergänzung gemeint war, so steht
der Junggeselle von heute zumindest in letzterer Be-
ziehung keineswegs mehr so hilflos da wie sein Vor-
gänger von Anno dazumal. Mit einigen Hebeln, Häh-
nen und Schaltern weiß er das vielköpfige, einst so
gefürchtete Ungeheuer »Hauswirtschaft« allein und
sicher zu meistern.

Fast könnte er aus Freude über so viel Selbstherr-
lichkeit und Bequemlichkeit in den Ruf Ulrich von
Huttens ausbrechen: »Es ist eine Lust zu leben!«
Wenn er es meistens nicht tut, so aus der mehr oder
weniger klar empfundenen Erkenntnis heraus, daß
zu einem richtigen Heim nebst der Erfindungsgabe des
Technikers und der Kultiviertheit des modernen Raum-
künstlers nicht zuletzt auch die Umsicht einer für-
sorglichen Ehegattin gehört. ARCH. EDWIN RESCHOVSKY
loading ...