Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DEKORATION

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SACHLICHER IDEALISMUS

Die größte Aktivität berufener Kräfte, uns von
veralteten Dogmen freizumachen, hat die An-
sätze zu einer neuen »Fassadenkunst« nicht zu ver-
hindern vermocht. Vieles von dem, was sich als »mo-
derner Stil« gebärdet, zeigt üble Auswüchse. Man
»trägt nach außen« und vergißt die Seele. Daß ein gu-
ter Grundriß alles ist und daß die Überlegung beim
Möbel aus dem Funktionellen, also von innen her-
kommt, um zur selbstverständlich guten Form nach
außen zu finden, ist manchem noch nicht aufgegan-
gen. Das zeigt die bewußte Abkehr weiter Kreise vom
Schlichten Echten und Bleibenden.



Parallel dazu ist vielfach eine geschmackliche
Unsicherheit festzustellen. Historische Stilarten wer-
den aufgewärmt und einer kritiklosen Käuferschicht
mit dem Schlagwort »zeitlos« serviert. Die Ehrfurcht
vor Vergangenem darf uns aber nicht verführen, mit
antikisierenden Mätzchen (künstliche Patina, Wurm-
gänge durch Schrotschüsse u. dgl.) möglichste Echt-
heit vorzutäuschen, nur um den Wünschen konserva-
tiv befangener Kreise zu schmeicheln. Gegen die Er-
werbung bester, echter Stücke einer großen Vergan-

genheit ist nichts einzuwenden. Für ihre Nachah-
mung jedoch liegt kein Bedürfnis vor. Ein Festhal-
ten an historischen Formen wird von den jüngeren
Generationen weder verstanden noch gewünscht.



Wir dürfen nicht müde werden, die Gebrauchs-
tüchtigkeit und gleichzeitig die formale und stoffliche
Verfeinerung aller Gebrauchsgeräte stets von neuem
aufzuzeigen und ihre vielseitige Verwendbarkeit in
erste Linie zu stellen. Es gilt immer wieder, Mißver-
ständnissen vorzubeugen und im Kampf gegen eine ver-
logene Romantik tapfer zu sein. Das ist sachlicher
Idealismus mit dem Ziel, »aufzuräumen« mit Dingen,
die uns im Wege stehen, uns freizumachen von Um-
ständlichkeiten einer konventionellen Zeit, deren
hohle Repräsentation den Menschen vergewaltigte.

Die unmittelbar knappe, rasch übersehbare, groß-
zügige und sparsame Lösung unter Einsatz werkge-
rechten Materials weist den Weg zum »Stil« unserer
Zeit. Ist diese Erkenntnis Allgemeingut geworden, so
wird das Erwägen und Erfühlen einer neuen, elasti-
schen Raum-Atmosphäre auch der Allgemeinheit
zum beglückenden Erlebnis. arch. a. c. ruedenauer.
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