Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

Page: 350
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1933/0364
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
350

INNEN-DEKORATION

architekt max dürr-stuttgart

»damenzimmer« haus s. stuttgart

EINZIMMERHEIM DER FRAU

Ich glaube, dieser Wohnungstyp ist erst jüngeren
Ursprungs: das Einzimmerappartement der selb-
ständigen, berufstätigen Frau. Man kannte ihn früher
nicht. Man kannte auch diesen Typ der Frau nicht.
Es gab jüngere, ledige Berufstätige, im Lehrfach zum
Beispiel, die bei ihren Eltern lebten, und ältere, eben-
falls unverheiratete, die meist in ererbten, etwas anti-
quierten Wohnungen logierten, die - so wie sie selbst -
immer von einer leisen Resignation und einer heim-
lichen Unausgefülltheit umwittert schienen. Es gab
erfolgreiche, verwöhnte Künstlerinnen, die sich mit
theatralischem Luxus eine Residenz schufen, weibliche
Bohemiens, die in verkramten und verwegenen Ate-
liers hausten, und schließlich auch die ganz unpersön-
liche Behausungsform des »möblierten Zimmers«.

Die moderne, selbständige Frau wollte in keinen
dieser Rahmen so recht hineinpassen. Deshalb schuf
sie sich einen neuen. Denn sie weiß, was sie will, und
vor allen Dingen: sie weiß ihren Willen auch durchzu-
setzen. Ihr Beruf gestattet ihr weder Zeit, Mittel
noch Konzentration, sich mit einer größeren Woh-
nung zu belasten. Sie hat - freiwillig und gezwunge-

nermaßen - zu viele andere Interessen, die ihren Hang
zur Häuslichkeit auf ein begrenztes Gebiet zurück-
drängen. Andererseits ist sie zu sehr Frau, um auf die
trauliche Gebundenheit an ein eigenes Heim ganz ver-
zichten zu können. Es braucht nicht groß zu sein. Aber
es ist erfüllt von Harmonie, von Daseinsbejahung,
Freude an den Dingen, zweckmäßiger Klarheit. Es
ist das Spiegelbild ihrer sachlichen, bewußten, ge-
danklich ernsten, gefühlsmäßig heiteren Lebensform.

Die moderne Innenarchitektur hat das Problem des
»Appartements« mit Begeisterung aufgegriffen. Es
scheint fast, als wenn sie die selbständige Frau in ihrer
tapferen Daseinsgestaltung belohnen wollte. Sie schafft
ihr auch im engen Rahmen ein gemütliches Heim und
läßt sie in einem Raum weder den Komfort eines
Schlaf-, noch die Annehmlichkeit eines Wohnzimmers
vermissen.Wunderwerke an klügsterPlatzausnützung
werden vollbracht. Sehr breite Fenster schaffen die
Illusion größerer Weite und nehmen noch die letzte
Spur von Beengtheit. Das Einzimmerheim ist nicht
mehr ein trauriger Notbehelf, sondern eine in sich
geschlossene Wohnungsform geworden, udi herding
loading ...