Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DE KORATI ON

HERMANN KOPF —BERLIN »WOHNHAUS IN OERLINGHAUSEN« DAS 1914 IN DER »INNEN-DEKORATION« VERÖFFENTLICHT WURDE

ANREGUNGEN ZUR REORGANISATION DER
STAATLICHEN KUNST-UND KUNSTGEWERBESCHULEN

VON ARCHITEKT HERMANN KOPF—BERLIN

arum finden die Schüler der Kunstgewerbeschu-
len selbst mit besten Reifezeugnissen keine
Anstellung ?

Liegt es an der Konjunktur?

Oder ist für sie keine Verwendungsmöglichkeit vor-
handen? Oder trägt die Schuld vorwiegend die Aus-
bildung an den staatlichen Kunstgewerbeschulen ?

Es liegt weder an der Konjunktur noch an dem
fehlenden Bedarf von brauchbaren kunstgewerblichen
Kräften, weil stets eine größere Nachfrage vorhanden
ist als Angebot brauchbarer Kunstgewerbler.

Aber die Industrie und die großen kunstgewerb-
lichen Ateliers scheuen sich nach den bisherigen Er-
fahrungen Kunstgewerbeschüler aufzunehmen, weil
die von den Kunstschulen entlassenen Schüler für
ihre Anforderungen unbrauchbar sind. Die ungenü-
gende Ausbildung, das Fehlen der technischen Kennt-
nisse machen in der Praxis ein Umlernen notwendig,
das mehr Zeit und Müheaufwand erfordert, als eine
ungeschulte junge talentvolle Kraft zu ihrer Heran-
bildung benötigt. Die Absolventen der Kunstschulen
erleben in der Praxis sehr bald die große Enttäu-

schung, daß sie Jahre benötigen, um sich das anzu-
eignen, was die Nichtakademiker einst in ganz kurzer
Praxis spielend erlernten.

Daß die Kunstschüler für die praktische Arbeit in
der Industrie und an kunstgewerblichen Ateliers so
oft unbrauchbar sind, liegt also zum großen Teil an
der bisherigen Lehrmethode der staatlichen Kunst-
schulen. Man hat sie mit den praktischen Kennt-
nissen, welche die unerläßlichen Vorbedingungen für
die spätere Praxis sind, nicht genug vertraut gemacht.

Das peinlich genaue Linear- und Zirkelzeichnen
kennt der Kunstschüler heute nicht mehr. Jedoch ist
dieses die wichtigste Voraussetzung für einen Ent-
wurf, welcher in seiner Ausführung als Unterlage zur
Werkzeichnung dienen soll.

Wie nun ein Entwurf zu entstehen hat, der in der
Industrie verwendbar sein soll, hängt in erster Linie
davon ab, daß der Künstler eine genaue Kenntnis der
Eigenart und Behandlung des Materials hat, in wel-
chem das Erzeugnis hergestellt werden soll und ferner
eine genaue Vorstellung von dem fabrikatorischen
Werdegang seiner Herstellung. Auf Grund dieser
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