Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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DER UMBAU

- EIN ARCHITEKTURPROBLEM VON HEUTE

HERRENHAUS ZAPF IN DÜSSELDORF

Als der Jugendstil zum ersten Male wieder die Be-
. deutung der Konstruktion entdeckte, gab er
damit der modernen Kunst die wichtigste und folgen-
reichste Anregung. Seitdem hat sich das Konstruk-
tive langsam wieder die Vormachtstellung zurücker-
obert, die ihm dem Dekorativen gegenüber zukommt.

Nirgendwo stärker tritt diese Bedeutung der Kon-
struktion hervor, als bei dem Kernproblem zeit-
genössischen Bauens, dem Umbau. Die Krise hat
dem Neubau weitgehend Einhalt geboten; sie hat
dem Architekten mit dem Umbau eine andere, ge-
wiß ebenso dankbare Aufgabe gestellt. Beim Umbau
soll ja nicht nur ein altes Haus wohnlicher und be-
haglicher gestaltet werden; das Haus mit seinen
einzelnen Räumen soll zugleich den Charakter unse-
rer Zeit erhalten. Das Neue mit dem Alten sinnent-
sprechend zu verbinden ist die Hauptaufgabe. Es
wird nicht immer möglich sein, etwas ganz Neues
durch einen solchen Umbau zu scharfen; aber es
kann in jedem Fall ein einheitliches Ganzes ent-
stehen. Das dynamische, aufgelockerte Raumempfin-
den unserer Zeit muß in einem solchen Bau zur Aus-
prägung kommen, die bewegte und doch harmonische
Linie, die Einbeziehung des Außenraumes, die Ver-
bindung von Linie, Fläche und Luftraum durch die
Farbe. Die Grundlage aber bleibt die Konstruktion,
d. h. das richtige Verhältnis der Bauteile zu dem
Luftraum, der sie umgibt. Dieses Verhältnis meinte
Wilhelm von Humboldt, als er an Schiller schrieb:
»Goethe verlangt von einem schönen Gebäude, daß es
nicht bloß auf das Auge berechnet sei, sondern auch
einem Menschen, der mit verbundenen Augen hin-
durchgeführt würde, noch empfindbar sein und ihm
gefallen müsse.«

Der Umbau oder Erweiterungsbau des Einfamilien-
hauses wird stets den ursprünglichen Charakter des
Hauses berücksichtigen müssen; von diesem her erst
läßt sich die besondere Art des zu ändernden oder
anzubauenden Teils beurteilen und erkennen. Die
Änderung gibt dem Architekten Gelegenheit, eine
besondere Forderung zeitgenössischen Bauens zu
verwirklichen: durch Konstruktions-Ökonomie dem
Wohnraum einen größeren Nutzeffekt und damit zu-
gleich größere Schönheit, tiefere Harmonie zu geben.
Der Städtebauer Professor Schumacher drückte das
einmal so aus: »durch geistige Mittel den Wohnwert
einer bestimmten gegebenen Wohnfläche zu ver-
größern«. Dieser Gesichtspunkt verbindet den mo-
dernen Architekten auch mit den Baumeistern echter
Stilperioden der Vergangenheit. Jeder echte Stil ist
an der Raum-Ökonomie orientiert; ein Unterschied
besteht nur in der Verschiedenheit der gewollten
Zwecke und der Bedürfnisse. Der große Rokokosaal
im Hradschin in Prag mit der frei schwebenden Decke

1933. VII. 2

ist dessen ebenso Zeugnis wie ein einfaches, klarge-
gliedertes bergisches Barockhaus und ein nieder-
sächsisches Bauernhaus. Notwendig ist nur die
Lösung von den törichten und häßlichen Raumvor-
stellungen des 19. Jahrhunderts, in denen sich die
Verwirrung und Ziellosigkeit dieser Zeit äußerte. Der
Formtrieb ist dem Geist unterworfen; nur der Bau-
meister, der aus dem Geist gestaltet, wird dem Raum-
gefühl unserer Zeit gerecht.

Eine in vielen Fällen erprobte und glückliche Hand
auf diesem Gebiete hat der Kölner Architekt Rolf
Distel. Seine Umbauten gehen stets vom Sinn der
Konstruktion des Alten aus; das Neue wird organisch
ein- und angefügt. Damit ist der folgenschwere
Fehler, den Umbau vom Ornament, d. h. also vom
rein Dekorativen her vorzunehmen, vermieden. Den
Wert der Distelschen Arbeiten erkennt man beson-
ders bei dem Umbau des Herrenhauses Dr.
Zapf in Düsseldorf (Abb. S. 230-233). Das Haus,
ursprünglich ein großes Einfamilienhaus im eng-
lischen Landhausstil mit tiefgezogenem Satteldach,
sollte so umgebaut werden, daß zwei Familien darin
getrennt wohnen können. In räumlicher Hinsicht
boten sich der Aufgabe keine Schwierigkeiten: das
Haus liegt in einem großen Parkgelände, rings von
Rasen und Baumgruppen umgeben. Distel bemäch-
tigte sich zunächst der schmalen Seitenfront und der
Rückseite und baute hier den Erweiterungsbau an
(Abb. S. 230). Für beide Familien besteht eine ge-
meinsame Eingangstür. Hinter der Windfangtür aber
wird bereits die Planung des modernen Architekten
sichtbar, der vom Grundriß aus arbeitet. Die Gar-
deroberäume liegen getrennt für jede Familie, links
und rechts von der Eingangshalle; an die Garderoben
anschließend die getrennten Küchen- und Personal-
räume. Aus jedem Personalraum führt eine Tür in
das Eßzimmer der betreffenden Familie, so daß das
Personal die übrigen Räume nicht betreten kann.

An dem alten Hause sind nur geringe Veränderun-
gen vorgenommen worden. Der Neubau dagegen
präsentiert sich nicht nur von außen als eine mo-
derne Arbeit. In seinem Inneren hat Distel eine Reihe
schön und zweckmäßig eingerichteter Räume ge-
schaffen, die nicht nur alle Ansprüche an Behaglich-
keit und persönlichem Geschmack, sondern auch an
Schönheit restlos erfüllen. Ineinandergehende Da-
men- und Herrenzimmer bieten dem Hausherrn und
der Hausfrau getrennte Aufenthaltsmöglichkeiten,
die doch durch eine zurückgezogene Portiere räum-
lich eng verbunden sind (Abb. S. 232). Besonders
stark wirkt die schlichte und zweckmäßige Linien-
führung bei Tischen und Sesseln, Schränken und ein-
gebauten Büchergestellen. Die fast spielerische Will-
kür und doch strenge Logik dieser Linien zeigt, daß
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