Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DE KORATI ON

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GROAO »SCHLAFRAUM« BLICK GEGEN DIE SCHRANKWAND

ADOLF LOOS - GESTORBEN. Bis zum
. letzten Augenblick seines Lebens hat die
Öffentlichkeit kaum gewußt, was sie an diesem
außerordentlichen Manne besaß, der 3 7» Jahr-
zehnte seines Lebens unerschütterlich im
Kampfe um eine neue, wahre und echte Bau-
kunst stand. Zuerst ignoriert, dann verlacht,
dann befehdet . . . zuletzt vielfach schlecht und
ohne Verständnis kopiert . . . das war sein Bau-
künstlerschicksal.

1897, als seine nachmals berühmt geworde-
nen, unter dem Titel »Ins Leere gesprochen«
erschienenen Vorträge gehalten wurden, war er
bereits ein Vollendeter. Keiner sprach es so
klar aus wie er, daß die Baukunst vor allem ein
ehrliches Handwerk sei, das den Menschen im
Gehen und Stehen, Sitzen und Schlafen, Aus-
ruhen und Arbeitsparen zu dienen und darüber
hinaus Wohlbehagen im Innern zu wecken
habe. So wurde er frühzeitig zum Feind des
Ornaments, zum Freund des schönen Materials,
zum Bekämpfer der Fassade und zum Woh-
nungsgestalter nach Vertikalplänen und Raum-
gefühlen. 1912 entsteht eine Reihe von Villen-
bauten in Wien und das glatte Haus am

Michaelerplatz, mit denen der neue Stil in
Österreich und in Europa anhebt. In einer klei-
nen Bauschule, die der heftig Angefeindete
gründete, lehrte er die neue Wahrheit und
Schönheit. Den Jugend- und Sezessionsstil
brachte er in die Defensive. Er schätzte
alle neuen Materialien und Konstruktionen,
bevorzugte das flache Holzzementdach und
die Stiege in der Wohnhalle, die Wände ohne
Profile und die Fenster ohne Giebel; aber
davon blieb nichts äußerlich. Er war der Erste
in Österreich, der ganz neu nach Zweck-
bestimmung und Bedürfnis baute.
f-' Erst nach dem Kriege setzte er sich allmäh-
lich durch. Die Gemeinde berief ihn als Chef-
architekt des 1919 von mir ins Leben gerufe-
nen Siedlungsamtes. Er fand sich sofort in alle
Notwendigkeiten des primitiven Siedlerlebens
und Hauses hinein. Aber auch hier verstand
man ihn kaum. Seine Pläne blieben da ebenso
liegen wie seine monumentalen Entwürfe.
Nur eine kleine Zahl bürgerlicher Bauherren
blieb ihm treu. So mußte er sich im Reden
und Schreiben ausleben. Und Wien besitzt
keinen Monumentalbau seines größten Gegen-
wartsarchitekten. . . Dr. MAX ERMERS —WIEN

TOILETTENPLATZ IN DER SCHRANKWAND, WÄNDE VERSPIEGELT

1933. X. 2
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