Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INN EN-DEKORATION

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PROF. MICHAEL POWOI.NY

LEBENSGROSSE KERAMIK

SCHON gegenständlich
sind die jüngsten Werke
des sechzigjährigen Mei-
sters Michael Powolny
eine Überraschung: statt
seiner gewohnten Tiere ge-
staltet er Menschen. Wenn
schon diese mehr äußer-
liche Feststellung auf eine
Wandlung des Künstlers,
auf das Freiwerden neuer
Kräfte schließen läßt, so
bestätigen Gestaltungs-
weise und Formanschau-
ung diese Annahme voll-
kommen.— Die weibliche
Sitzfigur ist streng ge-
schlossen. Ihre Glieder sind
kunstvoll verschränkt, so
daß die fließenden Gewand-
falten ein rhythmisches
Spiel bilden. Das Haupt
bringt mit leiser Neigung
die Bewegung des Ganzen
zur Ruhe. Diese Beruhi-
gung der innen wirksamen
Kräfte findet ihren deut-
lichsten Ausdruck in den
verhaltenen und stillen Zü-
gen des Gesichts. Dazu tritt

die Art der Modellierung,
die auf Unterscheidung des
Stofflichen zugunsten der
Harmonie aller Teile weit-
gehend verzichtet. Es er-
gibt sich eine Wirkung von
edler Klarheit und selbst-
verständlicher Monumen-
talität, für die sich wie von
selbst das Wort »Klassik«
einstellt. — Der Sitzfigur
verwandt, wenn auch nicht
gleich streng im Aufbau,
ist das Mädchen mit der
Taube. Sehr eindrucksvoll
ist der lyrische Zauber, der
von der eigentümlich be-
fangenen Geste der Gestalt
ausgeht. — Innerhalb der
Entwicklung des Künstlers
bedeuten seine letzten Wer-
ke die Abkehr vom Geist
des Kunstgewerbes. Sie sind
reine Plastik. Wenn sie sich
trotzdem einem höheren
architektonischen Organis-
mus einfügen lassen, so ge-
schieht das auf Grund ihrer
inneren Freiheit.

WIEN Dr. WOLEGANO BORN.
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