Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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WANDLUNG DER SPEISEZIMMERMÖBEL

von dr. 1ng. walter hahn

er den Werdegang der Speisezimmer-Einrichtung
rein unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchs-
wertes betrachtet, muß zugeben, daß sie sich ständig
in Fluß befindet. Sieht man von den »Urmöbeln«
- Tisch und Stuhl - ab, die grundsätzliche Wand-
lungen ihrer Wesensstruktur nicht erfahren haben,
so bleibt unsere Betrachtung auf das »Gelaßmöbel«
der Speisezimmer-Einrichtung begrenzt. Es ist als
Hauptstück des Eßzimmers mit dem uns schon
lange in Fleisch und Blut übergegangenen Fremd-
wort »Büfett« benannt worden, und ich will davon
absehen, festzustellen, seit wann wir es als solches
kennen, da mir kunsthistorische Erörterungen hier
fernliegen. Seiner Entwicklung aus dem »Geschirr-
schrank« können aber diejenigen unter uns, die der
mittleren Generation angehören, ohne weiteres noch
nachkommen, wenn sie sich das Büfett der 8oer und
90er Jahre des vorigen Jahrhunderts ins Gedächtnis
zurückrufen, und auch noch die Entwürfe aus der
Zeit des Jugendstils lassen sich von jener Grundform
ohne weiteres ableiten. Man erfasse nur das damals
modische, verhältnismäßig schmale aufrechtstehende
Möbelstück in seinen Gesamtmaßen: die Zerlegung
in Ober- und Unterbau mit Abstellplatte zwischen
beiden ist der wesentliche und einzige Gesichtspunkt,
der es vom eigentlichen Geschirrschrank unterschei-
det. War bis dahin der obere Teil dieses Möbelstückes
immer noch als verschließbarer Schrank ausgebildet,
so begann er allmählich dahin zu verkümmern, daß
zur Schaustellung mehr oder weniger kostbaren Eßge-
schirrs oder einzelner Tischgeräte die Schranktüren
verglast wurden oder ganz wegblieben und der obere
Teil sich in ein Bord auflöste, bis er mehr und mehr
in den gleichzeitig als Abstellmöbel verwendbaren
Unterbau aufging. Dieser breitete sich immer mehr
in der Horizontale aus, einerseits als Zugeständnis an
die horizontale Linie in der Geschmacksrichtung,
andererseits - wie es die Unlogik und Unberechen-
barkeit einer Modesache häufig mit sich bringt - in
Widerspruch zu dem durch die Ungunst der Zeit-
verhältnisse immer mehr verknappten Wohnraum.

Neben diesem Hauptmöbelstück unserer Speise-
zimmer-Einrichtung war lange Zeit ein Zusatzmöbel
in Gebrauch, das die damit zum Ausdruck gebrachte
Geistesarmut auch mit nichts anderem als einem
Fremdwort zu bezeichnen imstande war: die »Kre-
denz«, aus dem neben dem Büfett vielfach erwünsch-
ten Abstelltischchen hervorgegangen und schließlich
in Verkennung ihres ehemaligen Zwecks nur noch
gedankenlos als Miniaturbüfett ausgebildet. Vielfach
war ihr eigentlicher Zweck bald so weit in Vergessen-
heit geraten und ihre Tischplatte so hoch, daß die Be-
quemlichkeit, das aufgetragene Geschirr abzustellen,
darunter zu leiden hatte und auch die Kredenz zum

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rein dekorativen Stück herabsank. Heute ist sie als
Teil der »vollständigen Garnitur« so ziemlich vom
Markt verschwunden, wozu auch die Beschränkung
im Wohnraum nicht unwesentlich beigetragen haben
mag; was freilich nicht verhindert, daß als Aus-
tauschgegenstand in der »kompletten« Einrichtung
geschäftstüchtiger Möbelhändler häufig genug die
»Vitrine« herhalten muß. Denn nachdem vom Büfett
jeder Aufbau verschwunden ist, fehlt immer wieder
ein gesichertes und staubfreies Gelaß zur Schaustel-
lung einzelner Stücke. Aber der Notwendigkeit, die
Einrichtung auf das Allereinfachste zu beschränken,
ist auf die Dauer kein Widerstand entgegenzusetzen.
Mit dem Wohnungsprogramm nach mehr oder weni-
ger amerikanischem Zuschnitt haben wir uns allmäh-
lich abgefunden. Auch die vorhandenen großen Woh-
nungen müssen vielfach geräumt werden und ver-
fallen, soweit irgendeine Möglichkeit besteht, der
Unterteilung. Die mehr vom repräsentativen Ge-
sichtspunkt getragenen Speisezimmer-Einrichtungen
bleiben auf Sonderfälle beschränkt und dürfen für
unsere Handelsware, von der hier die Rede sein soll,
nicht als ausschlaggebend gelten. In vielen Fällen be-
nutzt man aus Gründen der Raumbegrenzung das
Eßzimmer gleichzeitig als tägliches Wohngelaß. Die-
sen Verhältnissen Rechnung tragend ist schon seit
einiger Zeit das Universalmöbelstück, der »kombi-
nierte Wohn- und Speisezimmerschrank« auf den
Markt gebracht worden, an dem das Unmöglichste
leider wieder die Bezeichnung ist. Jedenfalls versucht
er die verschiedensten Zwecke in sich zu vereinigen
und absorbiert damit das Büfett. Außer als Geschirr-
gelaß und Likörschrank (»Hausbar«) sind ihm da-
neben andere vom Büfett nicht vertretene Verwen-
dungsmöglichkeiten zugewiesen.

Die Entwicklung von einer anderen Seite aus ge-
sehen, führt so ziemlich zum gleichen Resultat: Be-
trachten wir die neuesten Modelle der Deutschen
Werkstätten, so finden sich diese Tendenzen mit
aller Deutlichkeit bestätigt. Wir sehen nämlich unter
den neuen Entwürfen als Hauptstück der Speise-
zimmer-Einrichtung kleineren Formats entgegen der
bisher üblichen Büfettform bereits wieder das
»Schrankbüfett« vertreten, wenn ich mich dieses
Ausdrucks bedienen darf (Abb. S. 168 oben). Es besitzt
in den Maßen eine unzweideutige Übereinstimmung
mit dem Universalmöbelstück einerseits, hat aber
mit dem Büfett von ehedem die innerliche Trennung
in Unter- und Obergelaß gemeinsam. Dieses für be-
scheidenere Wohnungsverhältnisse gedachte Möbel-
stück wird durch ein bewegliches Abstelltisch-
chen als Ersatz der Kredenz ergänzt, wie man es in
den früheren Einrichtungen als sogenannten »stum-
men Diener« beliebte (Abb. Seite 168 unten). — w.h.
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