Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DE KORATI ON

und die Zylinder zu putzen und die wohlvorbereiteten
Beleuchtungskörper wieder an ihre Stelle zu tragen.
Wir Kinder einer neuen Zeit drücken auf einen
Knopf und strahlendes Licht durchflutet jeden Raum,
so lange wir es wünschen.

Nur auf dem Gebiete der Nahrungseinnahme
kennen wir keine wesentlichen Vereinfachungen.
Wir essen noch mit dem ganzen Aufwand von Ge-
räten, Gefäßen und Leinenzeug wie die Altvordern.
Lediglich in der Herbeischaffung der Speisen hat
man Vereinfachungen und Vorteile erdacht. Aufzüge
überwinden Treppen, Schalter zur Anrichte gestatten
schnelles Bedienen, elektrische Wärmeapparate halten
die Wunder der Kochkunst auf der Höhe. Was den
gedeckten Tisch selbst angeht, so ist er der alte ge-
blieben. Er verlangt immer noch eine Fülle von
Dingen, die immer wieder Arbeit und Verschleiß er-
zeugen, er steht unverändert mit seinem Rechte da,
viermal täglich das Alltags- und Festtagsleben zu
beherrschen, freilich auch nicht mehr ganz so all-
mächtiger Gott wie in früheren Zeiten! Wir sind
weiser geworden, mäßiger, wir lieben schlanke
Linien, wir halten auf Wohlbefinden, wir treiben
Sport. Diese Psychologie hat den Speisetisch in seinen
Verführungen schon stark beschränkt - sie wird

voraussichtlich auch noch weiter an seiner Verein-
fachung arbeiten. Sechs Mahlzeiten am Tage zu ge-
nießen, war noch vor dem Kriege in manchen Ge-
genden keine Seltenheit, die Hälfte genügt jetzt
manchem vollauf, während die Norm wohl vier sein
dürfte. Aber wer ist sicher, daß es bei dieser oder
einer anderen bleiben wird? Laßt einen Arzt, einen
Diätetiker eine Kost erfinden, die, gehend oder
stehend genossen, unser Leben um 10 Jahre ver-
längert und unsere Anmut um 50% steigert, eine
Universalnährpille, die alle Vitamine der Welt, den
Nährwert eines Tournedo ä la Rossini enthält, eine
Pille, die uns zu ewig lächelnden Filmgöttern macht:
aus ist's mit der Herrlichkeit des Speisetisches, des
letzten Restes eines behaglichen Mittelalters.

kuno graf hardenberg

IM KUNSTGEWERBE verbindet sich das Schöne
mit Dingen, die dem Zwecke der Notdurft und Be-
quemlichkeit dienen. Es zieht sich so kräftig hinein
in die empirische Welt, daß wir geradezu vergessen,
wie alles, was uns umgibt, einen Bund des Schönen
mit dem Nützlichen darstellt. Und wie arm das Leben
ohne das Schöne wäre, können wir nur ahnen . . .
Wer die Schönheit erblickt, fühlt sich mit sich selbst
und der Welt in Übereinstimmung. ... - goethe
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