Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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: TOM »MUSIKALISCHEN« AUGE. Bei den alten
V Griechen hatte das Wort Musik eine ganz andere
Bedeutung als bei uns. Es umfaßte die gesamte
geistige Bildung, die künstlerische wie die wissen-
schaftliche. Also: Philosophie, Mathematik, Arznei-
kunde, Schauspielkunst, Dichtung, Architektur, Male-
rei, Bildhauerei, Gesang, Tanz, Sternenkunde usw.
Sprechen wir heute von Musik, so meinen wir die
Tonkunst, und den für Tonkunst Begabten nennen
wir musikalisch.

Es ist sehr merkwürdig, daß wir für denjenigen,
der das überaus empfindliche Auge, das feine Organ
für Farbe und Form hat, kein analoges Wort haben.

Wie ein musikalischer Mensch Töne und Zwischen-
töne, Harmonien, Akkorde, Rhythmen und Schall-
Schwingungen mit überfeinen Ohren vernimmt, so
sieht der Mensch mit den künstlerisch »sehenden«
Augen Linien, Flächen, Formen, Farbskalen und
Nuancen auf seine besondere, hochempfindliche Weise.
Er genießt mit Wohlbehagen Dinge, die der Durch-

schnittsmensch nicht sieht, er berauscht sich an Schön-
heiten, die vielen nicht zugänglich sind und kann in
Ekstase versetzt werden beim Anblick irgendwelcher
Dinge, die ein anderer vielleicht gar nicht bemerkt.
Für ihn gibt es aber auch Dissonanzen, die ihm phy-
sische Qualen bereiten. Als Mozart ein kleiner Knabe
war und zum erstenmal eine Trompete hörte, verfiel
er in Schreikrämpfe. Ebenso kann es vorkommen, daß
ein Mensch mit überfeinem Sehorgan in ähnlicher
Weise schwer leidet.

Dieser Mensch hat aber auch gleichzeitig die Gabe
eines guten Gottes, die nicht zu erkämpfen und nicht
zu erwerben ist. Er kann sehen! Sehen mit stets
wachen sensiblen künstlerischen Augen, die die
gnadenvolle Fähigkeit besitzen, den Schönheiten
dieser Erde nachzuspüren.

Was interessiert uns an diesen Wesen? Ich meine:
heutzutage, wo Kunst, Ästhetik und Handwerk wieder
etwas in den Mittelpunkt des privaten und öffentlichen
Lebens gerückt sind und ihre Forderungen an uns
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