Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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EINE MODERNE WOHNUNG

Nie waren die künstlerischen und technischen Mit-
tel zur Wohnungsausstattung so beweglich, so
flüssig und reichhaltig wie heute. Das Leichte, das
Schwere, das Elegante und das Biedere - alles liegt
fertig zum Greifen da oder steigt leicht aus der Erfin-
dung auf, die Belastung mit außerzwecklichen Ge-
sichtspunkten ist auf ein Mindestmaß beschränkt, die
Formsprache darf überall unmittelbar und einfach
sein. Die moderne Wohnung ist vielleicht, neben der
Technik, das einwandfreieste Erzeugnis des sonst so
fragwürdigen neuen Jahrhunderts.

Ein hübsches Beispiel dafür bietet die hier in Stich-
proben vorgeführte Wohnung aus dem Atelier eines
Wiener Architekten. Frei und heiter ist die Gesamt-
stimmung. Offenbar lag eine gewisse Raumbe-
schränktheit vor; aber der Architekt wußte dem
durch praktikable Möbel, durch dünngliedrige Stahl-
sessel und Stahlstühle (Thonet-Modelle), durch reiz-
volle Raumausnutzung zu begegnen.

Die Frisiertoilette (Abb. obenstehend) kann
kaum sparsamer in der verwendeten Materialmasse
sein: der Rundspiegel an der Wand, mit silberbeleg-
tem Rahmen und mit unsichtbarer Beleuchtung aus-
gestattet, nimmt überhaupt keinen Platz weg, und die
Frisiertoilette selbst ist kaum mehr als ein veredeltes
Brett mit seitlichem Fach. Aber sie ist in tiefblauem

Schleiflack gehalten, die Abstellflächen zeigen blaues
Opakglas, und die Lade hebt sich mit ihrem hellen
Kirschholz wirkungsvoll ab; dazu ein Hocker in
blauem Leder mit Kirschholz-Sockel.

Für Arbeits- und Verhandlungstisch im Herren-
zimmer, samt den zugehörigen Stühlen (Abb.
S. 274), bot sich das Stahlrohr-Mobiliar an, doch ge-
sellen sich hübsche Holz- und Bezugstoffwirkungen
hinzu, grauer Schleiflack, Sitznische in Natureiche
mit Polstern in Bauernleinen und abgetöntem Rips.

Der Sitzplatz im Damenraum (Abb. S. 275 oben)
hat zum Mittelpunkt einen Tisch in Kirschbaum; vor
dem grauen Etamine-Vorhang stehen die lebhaften
Farben der Sessel und Hocker, ersterer ein schönes
Orangebraun, letztere Grau mit Orange und blaues
Leder. Sehr ansprechend ist die Diwanwand im
Damenraum (Abb. S. 275 unten), wo als Material
glanzpoliertes Kirschholz mit Masereinlagen und
Birnbaumbeschlägen vorherrscht. Sekretär, Schrank-
raum für Bettzeug, Bett mit Schlummerrolle und
Leselicht, dazu eine niedliche Vitrine und ein zweiter
Schrankraum für Daunendecken und Schuhwerk -
das findet sich hier leicht und behaglich zusammen-
gepackt. Gerade in diesem Zug des »Behelfsmäßigen«
liegt ein ganz besonderer Reiz dieser Wohnung, dem
sich niemand entziehen wird. Heinrich ritter

1933. VIII. 3
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