Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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IN NE N-DEKO RATION

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WERKSTÄTTEN »HAUS UND GARTEN«

»EMPFANGSRAUM« DES HAUSES R. B.

DIE GUTEN GEISTER DES HEIMS

Die Frömmigkeit des alten Rom ehrte die Haus-
götter, die Penaten, China kennt noch heute den
Kult der Ahnengeister als einen religiösen Dienst,
der dem Haus, der Familie und ihren Überlieferungen
gilt. Für uns knüpfen sich an Haus und Behausung
zwar keine ausdrücklichen religiösen Regungen
mehr, aber ihren Segen kennen auch wir. Ja, es ist,
als sollte das Heim unter uns zu einer neuen Würde
und Würdigung gelangen. Wie töricht haben wir uns
in diesen letztvergangenen Jahren oft in eine leere,
geistlose Öffentlichkeit des Lebens verlocken
lassen! Denken wir nur an jene Zeit der allgemeinen
Tanzwut zurück, wo gleichsam alles, was an Ener-
gien in den Menschen war, sich in einem sonderbaren
Bewegungsdrang entlud, wo alle geistige Regung in
Jazz-Rhythmen unterging und Besinnung, Heim,
häusliche Betätigung nichts mehr galten. Es war
damals auch die große Zeit des »Tempos«, des
Schnelligkeits-Kultes, dem Automobil wurden fast
fanatische Gefühle der Verehrung zuteil; aber statt
daß all dieses Fahren und Sich-Bewegen uns wenig-

stens etwas Großes und Weites an Welt-Begegnung
geschenkt hätte, wurde es nur zu einer Technik des
An-den-Dingen-Vorüberfahrens ausgebildet,
zu einer Technik der Verseichtung und geistigen Ver-
sandung. Wir verlernten das Verweilen vor den
Dingen, wir verlernten jenes Sich-Einlassen auf die
Dinge, das allein die Eingeschlossenheit des Ichs
bricht und eine echte Begegnung mit der Umwelt
herbeiführt. Wer vorübergeht, hat keine Begegnungen.

Heute ist eine andere Stunde. Die neue Würde,
die dem Heim zuwächst, ist geradezu eine Bewegung
zur Besinnung und Vertiefung. Wir brauchen die
Welt, aber wir brauchen auch die Muße zur geistigen
Verarbeitung aller Eindrücke. Wir brauchen die stille
Stunde am Kamin, damit das Denken und das reine
Gefühl wieder zur Herrschaft kommen. Es liegt im
Wesen des Draußen, daß es uns geheim anfeindet;
mindestens setzt es uns ständigen Erprobungen aus.
Das Heim aber gibt uns Bestätigung unseres
Wesens und damit Stärkung. Das Licht vom Fenster,
der Platz am Arbeitstisch, wo unsere Gedanken

1933. VI. 2
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