Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DE KORATI ON

siegfried theiss - hans jaksch

hauptraum der ledigen wohnung

EINE LEDIGEN-WOHNUNG

Die Einraumwohnung stellt keine Ideallösung
vor, wie viel Liebe die Architekten auch diesem
Kind der Nachkriegszeit angedeihen lassen, wie viel
Scharfsinn und Erfindungsgeist auch auf sie verwen-
det wird — und wie wenig sie die wirtschaftlichen Ver-
hältnisse mitunter vermeidbar erscheinen lassen.
Aber gerade sie, die Einraumwohnung aus Not und
Zwang, ist die am meisten anfechtbare. Das haben die
ohne Zweifel gutgemeinten Ledigenzimmer in den
Wohnhäusern der Gemeinde Wien gezeigt: in vielen,
allzuvielen, wohnen heute nicht nur Ehepaare, son-
dern ganze Familien, da ein Wohnungswechsel nicht
ohne weiteres möglich ist.

Nun, eine solche Einraumwohnung aus Not,ist die
hier gezeigte nicht, viel eher wäre sie Einraumwoh-
nung der Wahl, der freiwilligen Beschränkung zu
nennen. Das ist der Fall, einmal weil der große zwei-
fenstrige Raum sehr wohl in zwei Zimmer, wenn auch
bescheidenen Ausmaßes, unterteilt werden könnte,
dann weil die Bezeichnung »Einraumwohnung« nur
sehr bedingt zu Recht besteht. Der Besitzer wohnt
wohl im eigentlichen Sinn in einem einzigen Raum,
eben dem hier im Bilde vorgeführten - aber im übri-
gen enthält die Wohnung außer diesem Hauptraum
nicht nur Vorraum, Badezimmer, Abstellraum sowie
eine Küche kleinsten Ausmaßes, sondern auch eine

Schlafkammer kleinstmöglicher Gestalt. Sie rundet
die Bewohnbarkeit einer solchen Wohnung aufs beste,
sie nimmt der Einraumwohnung in gewissem Sinne
die Härte, aber auch, wenn man so sagen darf, den
romantischen Glanz. Einraumwohnung - das klingt
ein wenig nach einem modernen weltlichen Mönchs-
tum. Und auf einmal ist es gar keine. Aber wir opfern
diesmal, glaub' ich, die Romantik gern der Wohnlich-
keit, und damit der Wirklichkeit, dem Leben.

Was die innere Ausgestaltung der Wohnung be-
trifft, so muß hervorgehoben werden, daß all das
überspitzte Kombinieren sachlicher Bedürfnisse, wie
es bei der Ausstattung derartiger Kleinstwohnungen,
und zumal solcher etwas größeren Aufwandes, sogern
geübt wurde und wird, durchaus vermieden ist. So
einfach sich die Wohnung auf den ersten Eindruck
gibt, so einfach ist sie auch in Wirklichkeit.

Anderswo mag Einfachheit eine neben manch an-
derer erwünschte Tugend sein, bei einer Aufgabe wie
dieser ist sie mehr. Hier bedeutet sie die natürlich ge-
steckte Grenze, deren Überschreitung nach der Rich-
tung nennenswerten Aufwandes hin der Kleinst-
wohnung ihren Sinn nimmt: denn der ist immer -
sei's nun gewollte, sei's erzwungene - Bescheidung.
Bei aller Vielfalt im einzelnen bleibt sich auch die
hier gezeigte Wohnung dessen bewußt, er. mavreder
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