Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

Page: 370
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1933/0384
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DEUTSCHER GEIST IM NEUEN BAUEN UND WOHNEN

VON WILHELM MICHEL

Es ist keine Frage - und die Umstände im neuen
Reich bestätigen es -, daß das Streben nach einer
wesenseignen deutschen Kunstform, die zugleich zeit-
gerecht und weltgerecht ist, verwickelte Probleme
stellt; Probleme, die um so verwickelter sein werden,
je ausschließlicher man sie im Bereich des sachfernen
»Meinens« und Wünschens austrägt. Aber es gibt in-
mitten dieser Problematik einige feste Orientierungs-
punkte, wo deutsches Wesensgesetz und die Forde-
rungen von Zeit und Wirklichkeit bereits zu echter
Verschmelzung und zu dauerhaften Leistungen ge-
führt haben. Diese sind gegeben im Bereich deutscher
Bau- und Raumgestaltung, so wie sie sich seit Beginn
des Jahrhunderts in mühevollem Ringen, in verschie-
denen Wendungen, aber stets getragen von einem
klaren deutschen Zielblick und der stillen, mächtigen
Mitarbeit eines ganzen Volkes herausgebildet hat.

Uberblickt man manche neueren Beurteilungen die-
ser großen, zu einem unbestrittenen Welterfolg ge-
diehenen deutschen Gesamtleistung, so scheint es
fast, als solle hier wieder einmal eine nationale Groß-
tat verleugnet und zu Unrecht in den Schatten ge-
schoben werden. Statt den Blick bewundernd zu einer
Leistung zu erheben, die den deutschen Namen in
alle Kulturländer der Erde getragen hat und als »deut-
scher Stil« ihr Bauen und Wohnen so selbstverständ-
lich beherrscht wie es seit alters die deutsche Musik
im Bereich der Töne tut — statt dessen sehen wir ge-
wisse Theoretiker ihre Kritik auf Einzelstellen dieser
Leistungen richten und von da aus zu einer Absage
ans Ganze gelangen. Gut, es mag richtig sein, daß mit
einem Einzelmotiv wie etwa dem Flachdach hie und
da »weltanschaulich« gespielt worden ist; daß der zeit-
gemäße, überall unsere Welt beherrschende Grund-
satz der »Sachlichkeit« manchmal zu dürftiger, ein-
engender Auswirkung kam; daß Zwecklichkeit und
Rationalismus sich manchmal auf lästige Weise in
den Vordergrund drängten - aber ein Blick aufs
Ganze zeigt doch klar, daß das nicht Wesenszüge
waren, sondern kurzlebige Uberbetonungen verein-
zelter Gestaltungsmotive, die sich in jede Entwick-
lung einer lebendigen Sache zu mischen pflegen.
Wesensmäßig an deutscher Bau- und Raumgestal-
tung ist die aus deutscher Denk-Kühnheit erwachsene
Neuauffassung der Gestaltungsaufgabe Haus und
Wohnung - eine Neufassung, die zum erstenmal
einen neuzeitlichen Lebenskomplex formal bewältigt
hat. Wer den ganzen Ablauf der deutschen Bau- und
Raumkunst seit 1900 mitgelebt hat, dem wird man
nie die Überzeugung, ja das Wissen nehmen können,
daß diese Leistung in allen Zügen deutsch geprägt ist:
in dem Mut, die historizistische Grundlage zu ver-
lassen und in unwegsames Neuland vorzustoßen; in

dem neuen Materialgefühl; in der unaufhörlich er-
neuerten Nachprüfung und geistigen Durchklärung
der Formen; in ihrer zunehmenden Erwärmung und
Durchseelung. Vergessen wir doch nicht, daß das mit
Recht angefeindete Schlagwort von der »Wohnma-
schine« keine deutsche Erfindung ist, daß die ärgernis-
erregenden Verschärfungen und Verstarrungen des
Zweckbegriffes nicht von deutschen Architekten, son-
dern von Le Corbusier stammen, daß der kollektivi-
stische Unfug des auf Hordengemeinschaft beruhen-
den »Einraum-Hauses« oder der »Primitivitätskult«
der grundsätzlich praktikablen Einraum-Woh-
nung eindeutig außerdeutscher Herkunft sind.

Gewiß findet sich in deutscher Haus- und Raumge-
staltung dasjenige vor, was man mit Recht »Rationa-
lismus« nennen kann, aber dieser ist da zugegen als
ein Bestandteil des gesamten modernen Denkens, dem
wir mit unserer Teilhabe an moderner Technik, mo-
derner Maschinenkultur, moderner Wirtschaft ohne-
dies unentrinnbar verhaftet sind. Und wenn ein Be-
weis gesucht würde, daß auch das neue völkische
Deutschland sich zu diesem modernen Denken be-
kennt, so wäre er in der Technik seiner Massenbear-
beitung täglich und stündlich zu finden. Rationalis-
mus findet sich im Bauen Italiens, im Bauen Ruß-
lands, Frankreichs, Amerikas, Deutschlands. Denn
Rationalismus ist eine menschliche Grundhaltung,
die dem Europäer seit der Renaissance besonders
nahegelegt und die der heutigen Zeit grundsätzlich
zugeordnet ist. Hat aber der Bolschewismus das kalte,
klare Zweckdenken im Dienst seiner Ziele ange-
wendet, so heißt das nicht, daß Zweckdenken an sich
bolschewistisch wäre; es vermag ebenso gut den ge-
staltgläubigen, den volks- und lebensgläubigen Form-
trieben zu dienen. Wir müssen über diese Dinge über-
legener, »totaler« denken lernen. Wir müssen be-
greifen, daß im Gesamtraum der modernen Zivili-
sation manches an Einzelheiten oder an Einzel-
mitteln lebt, das vielleicht an der oder jener Stelle den
auflösenden, nihilistischen Tendenzen dient, das wir
aber deswegen nicht verwerfen dürfen. Denn unter
lebensgläubigen Zielsetzungen kann das, was anders-
wo Werkzeug der Zerstörung ist, Werkzeug des herr-
lichsten Aufbaues sein. Daß Rußland z. B. die Trak-
toren im Sinn eines lebensfeindlichen Fanatismus
verwendet, beweist nichts gegen die Traktoren.

Tatsache bleibt, daß die moderne Bau- und Raum-
gestaltung eine große (vielleicht die größte) weltbe-
zwingend-deutsche Leistung der Gegenwart ist; daß
es für uns kein Zurück von ihr geben darf, sondern
nur ein rüstiges Weiterschaffen auf der gegebenen
Grundlage, unter vorbehaltlosem Dank an die, die
ihre Beginner und Befestiger waren. —
loading ...