Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

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INNEN-DEKORATION

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DEUTSCHER KRETONNE« DER NEUE VOLKSSTOFF

er in den vergangenen Jahren die textile Mu-
sterung in Deutschland beobachtete, mußte
folgendes feststellen: Es gab eine in abstrakten Stil-
experimenten sich verlierende »Textilkunst« mit der
ganzen Unfruchtbarkeit internationalistisch ver-
schwommenen Ästhetentums. Es gab ferner eine rein
kommerziell eingestellte, in Entwurf und Koloristik
kaum den primitivsten geschmacklichen Anforde-
rungen genügende industrielle Massenproduktion.
Schließlich gab es aber auch sich stets erweiternde
Bemühungen um Entwicklung eines Musterungs-
stiles, der allgemeingültigen künstlerischen Forde-
rungen voll gerecht wird und zugleich feste Wurzeln
im kulturellen Leben des eigenen Volkes hat. Was in
der vielhundertjährigen Tradition des alten Kunst-
handwerks stets lebendig gewesen war, das wurde
wieder Ausgangspunkt und Gesinnung der Arbeit:
bodenständiges deutsches Geschmacksempfinden, aus-
gedrückt in einer reinen, einfachen deutschen Sprache.

Textilmusterung ist so wenig wie alles kunstge-
werbliche Schaffen eine reine Kunst für Museen oder

Privatsammlungen, sondern Veredelung der kleinen
und großen Gebrauchsgegenstände des Alltags. Dar-
um ist ihr Wirkungskreis: der Gesamtbedarf. We-
sentlich ist also, daß dieser Gesamtbedarf der breiten
Massen des Volkes mit der gleichen Liebe zum Guten
und Schönen behandelt wird, wie die Sonderarbeit
für begrenzte Kreise von kunstverständigen, zah-
lungskräftigen Käufern. Niemals war diese zugleich
pädagogische und soziale Arbeit so wichtig wie heute.
Textilkünstler und Textilindustrie tragen daher auch
eine große gemeinschaftliche Verantwortung gegen-
über dem deutschen Volke.

Der »Deutsche Kretonne«, entworfen von Maria May
und hergestellt von der Firma Christian Dierig, ist ein
glückliches Beispiel dafür, daß solche Zusammen-
arbeit nicht nur zu einer Textilmusterung führt, die
bodenständigem, bewußt deutschem Geschmacks-
empfinden in moderner und allgemein verständlicher
Sprache Ausdruck gibt, sondern damit auch Textil-
erzeugnisse hervorbringt, die bereitwilligst Aufnahme
beim Verbraucher finden. — Dr. paul schleich
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