Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 44.1933

Page: 317
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1933/0331
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

317

DAS MUSIKZIMMER

Sämtliche Räume der bürgerlichen Wohnung haben
sich der modernen Innenkunst von Anfang an
sofort willig ergeben: das Speise-, Schlaf-, Biblio-
theks-, Kinder-, Toilettenzimmer, die Diele, das
Treppenhaus, die Küche; nur der »Salon« war und
blieb spröde. Da ersannen Architektur, Dekoration
und Gewerbe gemeinsam eine Kriegslist: sie ver-
wandelten den »Salon« in das »Musikzimmer«, und
mit einem Schlag waren alle Schwierigkeiten be-
hoben. An Stelle eines verkommenen Gebildes re-
präsentativen Berufs trat ein Raum von klar gepräg-
tem Charakter, mit ganz bestimmten sachlichen For-
derungen, die den Weg der Gestaltung wiesen.

Die Funktion des Musikzimmers im Organismus
der Wohnung ergab die Grundsätze seiner Ausstat-
tung. Hier wollen Menschen sich aus freundschaft-
lich-geselligem Gespräch zu einem Beisammensein
unter dem Zeichen verfeinerter künstlerischer Ge-
sittung erheben. Noch mehr als irgend sonst verbot
sich hier jedes Allzuviel der Details, mußte alles auf
Konzentration der Raumstimmung gestellt werden.
Die ernste Neutralität der neuzeitlichen Behausung,
sonst gelegentlich als allzu herb und theoretisch emp-

funden, gewann hier einen besonderen Sinn. Nichts
soll die Versenkung des Musikers wie seiner Zuhörer
stören. Schlichte Wandflächen, einfache Linien hel-
fen dazu. Höchstens daß ein Gemälde oder graphisches
Werk ohne unterstrichene Ansprüche, ein paar ver-
schwiegene Bücher im Gestell als zurückhaltende
Phantasieanreger willkommen sind. Für gleich-
mäßige Beleuchtung zu sorgen, wurde natürliches
Gebot. Fand sich eine technische Handhabe, die aku-
stische Wirkung zu heben, etwa durch einen wohl-
berechnet aufgestellten Paravent, um so besser.
Schmerzen machte früher nur die konventionelle und
häßliche Form des unentbehrlichen Klavierinstru-
ments. Als man dann daran ging, sie zu verbessern,
meldeten sich zuerst abenteuerliche und sonderbare
Lösungen zum Wort, die durch ihr auffallendes Be-
nehmen ärgerlich oder komisch wirkten. Aber auch
das ist überwunden, seitdem die Flügelfabriken, sorg-
sam beraten, zu einfachen, zweckmäßigen Bildungen
in edlen Hölzern hingefunden haben. So gelang all-
mählich die Durchformung dieses Raumes als eines
stillen Heiligtums, einer Stätte wohligen Behagens.
Der Salon ist tot - es lebe das Musikzimmer! PH.v.

1933. IX. 4
loading ...