Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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DER ESCORIAL

VON

W. FRED*

AN muss eine lange und sonnige
Strasse in kahler und kalter Na-
tur auf einen Berg hinauf klim-
men, um zu San Lorenzo del Es-
corial zu kommen. Ein kleines
Dorf, oder genauer zwei kleine
Dörfer, liegen rechts und links,
verkommen, arm, bedeutungslos. Plötzlich sieht
man das grosse Schloss, das zugleich das grosse
Kloster ist, und mit seinem rauhen Granitbau aus
dem Felsen gewachsen zu sein scheint. Man kann
sich kaum denken, dass es nicht von jeher da-
gewesen sei, so sehr ist es verwachsen mit dem
Boden, auf dem es steht, mit der dünnen Luft, die
es umgiebt, und dem klaren, herben Horizont, von
dem es sich hebt. Der Eindruck, den man bekommt,
ist nicht der einer architektonischen Leistung, eines
Kunstwerkes, sondern sozusagen der eines Natur-
produktes. Das kommt gewiss nicht allein von dem
Baumaterial, diesem Granit, der ja auch das Ge-
birge hier bildet, sondern auch aus der ganz un-
künstlerischen Anlage und Durchbildung des Palastes.
Von einer rhythmischen Gliederung, einer einfalls-
reichen Ornamentik oder Aehnlichem kann keine
Rede sein. Der Escorial ist ein grosses, unermesslich
gross wirkendes Viereck von Steinquadern, in dessen

* Demnächst wird in der Muthcrschen Sammlung „die Kunst"
im Verlage von Bard, Marquardt & Co. der Band „Spanien" von
W. Fred erscheinen, dem wir diesen Abschnitt entnehmen.

Mauern Fensterlöcher geschlagen sind und über
dessen Stockwerken sich Kuppeln erheben. Eine
schwere Wirkung ist alles, was angestrebt ist.

Man sagt, dass Philipp II. selbst für die Aus-
gestaltung dieses Bauwerkes verantwortlich gewesen
sei. Das stimmt gut zu allem, was man dort sieht.
Seine harte, Geistlichem und Kirchlichem allein zu-
gewendete Natur konnte kein Verlangen nach
irgend welcher spielerischen Leichtigkeit haben.
Und alles, was an Kunst erstrebt wurde, ist nichts
als Nachahmung italienischer Grösse, die für diesen
Mann das unerschütterliche Maass aller Dinge war.
Die Kirche und das Kloster im Escorial danken der
Tradition nach ihre Entstehung einem Gelübde
Philipps IL, der für den glücklichen Ausgang der
Schlacht von St. Quentin (1557) gelobt hatte, dem
Schutzheiligen dieses Tages, San Lorenzo, einen
Dom zu bauen. Aus diesem Gelübde wurde dann
die umfängliche Anlage, die mit einer Kirche auch
die Grabstätte der spanischen Herrscher, ein grosses
Kloster und schliesslich die Residenz des Monarchen
selbst verband. Der Name Escorial hat keine tiefe
Bedeutung. Er stammt von den Schlackenresten,
die in dieser Gegend von denBergwerken vergangener
Zeiten übrig geblieben waren. Mit der römischen
Kurie, wie man in leichtfertiger Etymologie
glauben könnte, hat er gar nichts zu tun.

Die fachmännischen Erbauer des Escorial sind
zwei fähige Architekten italienischer Schule, Juan

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