Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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CONSTANTIN MEUNIER I

Constantin Meunier hat viel Sympathie erweckt.
Er ist einer der wenigen Künstler der modernen
Richtung gewesen, dem weite Kreise mit Enthusias-
mus begegnet sind.

Die folgenden Betrachtungen werden nun von
dem Gesichtspunkt aus angestellt, dass Meunier für
den besten Bildhauer nach Rodin gehalten wurde,
dass er ungemein berühmt gewesen ist. Daraus er-
wächst der Drang, seine Bedeutung so scharf als
möglich abzugrenzen.

Sicherlich war Meunier nicht so gross, dass
man ihn neben oder dicht hinter den aus dem
Innersten gestaltenden Rodin stellen könnte . . .

Seine „Rückkehr des verlorenen Sohns" gefällt
uns besser als seine Arbeiterfiguren, es ist in ihr
nichts unser friedliches Behagen Antastendes,
während uns bei einer Figur wie dem grossen Korn-
träger Meuniers, der vor der Front des antwerpener
Museums aufgerichtet ist, zu Mute wird als ob er
einen Wettstreit gegen die Götter und Helden —
und die Madonnen, die im antwerpener Museum sind,
aufnähme. Der Kornträger erscheint vor der Front
wie eine demokratische Predigt, gut, stolzmachend,
erhebend für die, die von der sozialen Frage aus-
gehen, nicht ganz geschmackvoll als Kunstwerk.
Ist er innerlich? Ja. Denn Meunier war ein ehr-
licher Mann. Wirkt er innerlich? Nein. Er steht
theatralisch vor dem Museum.

Allerdings fällt uns bei, dass ein belgischer
Arbeiter möglicherweise mehr Reliefwirkung zeigt
als ein deutscher — dass vor allem der „verlorne
Sohn" und der „Kornträger" reinkünstlerisch un-
gefähr gleichwertig sind. Nicht leerer kann der
„Kornträger" genannt werden als die Gruppe vom
verlorenen Sohn: beide sind gleich ausdrucksvoll

oder ausdrucksleer. Doch der „Kornträger" er-
scheint uns anmassend und der „verlorene Sohn"
erscheint es uns nicht. Vielmehr scheint er uns
der Tradition auch im Stoff zu entsprechen.

DerTradition! dem Akademismus! denn Meunier
war immer ein Akademiker, wie das in allen seinen
Arbeiterfiguren zu Tage tritt, die so stolz sagen:
ich bin ein Sackträger, ich bin ein Kohlenarbeiter,
ich bin ein Bauer auf einem Pferde! Er war das
Musterbeispiel eines Akademikers. Auf natürlichem
Wege — durch eigenes Nachdenken, langsam, von
innenheraus,durchSelbsterziehung,nicht Unterricht,
ist er zu einem Ziel gekommen, das durch die Be-
fruchtung einer akademischen Unterweisung zu er-
reichen das Ideal der gewöhnlicheren Künstler ist.
Wenn wir Meuniers Lebenslauf betrachten, so finden
wir unsere Annahme nur bestätigt.

Er fing als Schüler eines Bildhauers an, ging
dann zur Malerei über, hatte Andacht vor dem
Leben der Trappisten und malte Scenen aus ihrem
Dasein: erster Teil seiner Existenz. Die zweite
Epoche: ein illustrativer Auftrag führte ihn nach
Charleroi und Mons, ins Kohlenrevier der terre noire,
dort wurden die Arbeiter seine Trappisten, in einer
innigen Liebe für sie malte er seine Bilder — Jahre
lang ohne grossen künstlerischen Gewinn, Bilder, die
stoffliche Illustrationen blieben. Erst als er einund-
fünfzig Jahre alt war, fand er seine Erleuchtung und
die Form für seine Kunst, indem er zu der Bildhauerei
zurückkehrte, die er in seiner Jugend gelernt hatte,
sie aber jetzt mit den Vorbildern amalgamierte, die
er in Millet, Daumier, Michelangelo und den Alten
gefunden. Uns will es scheinen, dass so nicht das
Leben eines wirklich Grossen im Reiche der Kunst
sich abgespielt haben könne. Wir können nicht den

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