Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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AUS DER CORRESPONDENZ
VINCENT VAN GOGHS

Die Ausschmückung des Hauses absorbiert
mich gänzlich, und ich hoffe und glaube, dass es
ganz geschmackvoll wird, wenn auch ganz ver-
schieden von allem, was Du machst. Ich wäre
recht neugierig, Skizzen aus Pont-Aven zu sehen,
Du musst mir aber eine ausgeführtere Studie
schicken. Na, Du wirst schon alles aufs beste
machen, ich liebe nämlich Dein Talent so, dass ich
mir mit der Zeit eine kleine Sammlung Deiner
Werke anlegen will. — Mir war es immer sehr
rührend, dass die japanischen Künstler oft solche
Tauschgeschäfte unter einander gemacht haben.
Das zeigt doch, dass sie sich liebten und zusammen
hielten, dass eine gewisse Harmonie unter ihnen
herrschte, und dass sie in brüderlicher Eintracht
lebten, statt in Intriguen. Je mehr wir ihnen darin
gleichen, desto wohler wird es uns ergehen. Es
scheint auch, dass einige unter diesen japanischen
Künstlern sehr wenig Geld verdienten und wie ein-
fache Arbeiter lebten. Ich habe die Reproduktion
(Publikation Bing) einer japanischen Zeichnung:
ein einziger Grashalm. Welch ein Muster von Ge-
wissenhaftigkeit! Ich werde es Dir gelegentlich
einmal zeigen.

Die besten Projekte und Berechnungen gehen
so oft in die Brüche; während wenn man auf gut
Glück arbeitet, und aus dem Zufall Vorteil zieht
was der Tag einem zuträgt, man eine Menge guter,
unvorhergesehener Sachen zuwege bringt. Gehe
doch auf einige Zeit nach Afrika, der Süden wird

(FORTSETZUNG)

Dich entzücken und Dich zu einem grossen Künstler
machen. Auch Gauguin verdankt viel von seinem
Talent dem Süden. Ich nehme nun seit Monaten
die stärkere südliche Sonne in mich auf; das Resul-
tat dieses Experiments ist, dass für mich, haupt-
sächlich vom koloristischen Standpunkt aus, Dela-
croix und Monticelli bestehen bleiben, Künstler,
die man jetzt mit Unrecht zu den reinen Roman-
tikern, zu Künstlern mit übertriebener Phantasie
zählt. Sieh mal, der Süden, der von Fromentin
und Gerome so trocken wiedergegeben worden ist,
ist sogar schon hier ein Land, dessen intimen Zauber
man eben nur mit den Farben der Koloristen wieder-
zugeben vermag.

In meiner Skizze „der Garten" ist vielleicht
etwas wie „Des tapis velus — De fleurs et verdure
tissus". Auf alle Deine Zitate wollte ich Dir mit
der Feder antworten, wenn auch nicht in Worten.
Mir steht heute auch wenig der Kopf zu Diskus-
sionen, ich stecke bis über die Ohren in der Arbeit.
Ich habe nämlich zwei grosse Federzeichnungen
gemacht, ein endloses flaches Land, von der Höhe
eines Hügels in der Vogelperspektive gesehen:
Weinberge, abgeerntete Getreidefelder, die sich bis
ins Unendliche verlieren, und sich wie die Meeres-
oberfläche bis an den Horizont ausdehnen, der von
den Hügeln der Crau begrenzt wird. Es sieht nicht
japanisch aus und doch habe ich in Wahrheit nie
etwas so Japanisches gemacht. Ein winzig kleiner
Arbeiter, ein kleiner Zug, der durch die Getreide-

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