Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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AUS DER CORRESPONDENZ
VINCENT VAN GOCHS

Die Bibel ist Christus, denn das alte Testament
strebt hin zu diesem Gipfel. Paulus und die Evan-
gelisten bewohnen den anderen Abhang des heiligen
Berges. Wie klein ist diese Geschichte! Herrgott,
hier ist sie in ein paar Worten: Es scheint nur
Juden auf der Welt zu geben, diese Juden, welche
plötzlich erklären, dass Alles ausser ihnen unrein
sei. All die anderen südlichen Völker unter jener
Sonne: die Egypter, die Inder, die Aethiopier,
Ninive, Babylon, warum haben sie ihre Annalen
nicht mit derselben Sorgfalt aufgeschrieben? Das
Studium von all diesem muss schön sein, und all
das lesen können wäre beinahe so wertvoll als gar-
nicht lesen können. Aber die Bibel, — die uns so
verstimmt, die unsere Verzweiflung und tiefsten
Unmut in uns wachruft; deren Kleinlichkeit und
gefährliche Thorheit uns das Herz zerreisst — ent-
hält einen Trost wie einen Kern in harter Schale,
ein bitteres Mark und das ist Christus. Die Christus-
gestalt, so wie ich sie fühle, ist nur von Delacroix
und Rembrandt gemalt worden, nur Millet hat die
Lehre Christi gemalt. — lieber den Rest der reli-
giösen Malerei kann ich nur mitleidig lächeln, nicht
vom religiösen, sondern vom malerischen Stand-
punkt aus. Die frühen Italiener, Flamen und
Deutschen sind für mich Heiden, die mich nur

(FORTSETZUNG)

ebenso interessieren wie Velazcruez und so und so
viele andere Naturalisten.

Christus als Einziger unter allen Philosophen,
Magiern etc. hat als Hauptdogma ein ewiges Leben
bejaht, die Unendlichkeit der Zeit, die Nichtigkeit
des Todes, die Notwendigkeit und Wichtigkeit der
Wahrheit und der Hingebung. Er hat unbeirrt als
Künstler gelebt, ein grösserer Künstler als irgend
Einer, den Marmor, den Thon und die Palette ver-
achtend, denn er arbeitete in lebendigem Fleisch.
Das heisst: dieser unglaubliche Künstler, der für
das grobe Instrument unseres modernen, nervösen
und zerrütteten Gehirns unbegreiflich ist, schuf
weder Statuen, noch Bilder, noch auch Bücher —
er sagt es selbst ausdrücklich — er schuf wirkliche
lebende Menschen, Unsterbliche. Das ist etwas
Ernstes, besonders weil es die Wahrheit ist. Dieser
grosse Künstler hat also auch keine Bücher ge-
schrieben. Unbedingt würde ihn die christliche
Litteratur im Ganzen empören. Denn wie selten
sind in ihr litterarische Produkte zu finden, die neben
dem Evangelium des Lukas, den Episteln des Paulus,
die so einfach in ihrer harten und kriegerischen
Form sind, Gnade finden würden. Aber wenn auch
dieser grosse Künstler Christus es verschmähte
Bücher über seineldeen und Sensationen zu schreiben,

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