Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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AUS DER CORRESPONDENZ
VINCENT VAN GOCHS

DER Kopf steht mir eigentlich garnicht zum
Briefschreiben, aber ich fühle solche Leere in
mir, garnicht mehr au courant zu sein, was Sie,
Gauguin und die Anderen machen. Ich habe hier
noch ein Dutzend Studien, die wahrscheinlich
mehr nach Ihrem Geschmack sind als jene vom
letzten Sommer. Unter diesen Studien ist eine:
Eingang in einen Steinbruch. Blasslila Felsen auf
rötlichem Terrain, wie man es auf einigen japa-
nischen Zeichnungen findet. In Zeichnung und
Farbenverteilung in grossen Flächen hat es sogar
eine gewisse Aehnlichkeit mit dem, was Sie in
Pont-Aven machen. In diesen letzten Studien
führe ich mehr durch was ich will, weil mein
Gesundheitszustand sich gebessert hat: z. B. eine
Leinwand von 30, bebautes Land in lila Tönen,
Hintergrund von Bergen, die hoch bis zum Rahmen
ansteigen. Also nichts weiter als rauhes Terrain
und Felsen mit einer Distel und trockenen Gräsern
in einer Ecke, dazu ein Männchen in Violett und
Gelb. Das wird Ihnen hoffentlich anweisen, dass
ich noch nicht schlaff geworden bin.

Ach Gott, das ist ein recht armseliges Stückchen
Land hier; alles ist so schwer wiederzugeben, wenn
man seinen intimen Charakter treu herausbringen
will und nicht damit zufrieden ist, etwas ungefähr
Wahres zu malen, sondern den wahren Boden der
Provence. Um das zu erreichen, muss man hart
arbeiten, und dabei wirds dann natürlich etwas ab-
strakt, denn es handelt sich darum, der Sonne und
dem blauen Himmel ihren natürlichen Glanz zu
geben und dem verbrannten, melancholischen Boden
seine Kraft, dass man darin das feine Aroma des
Thymians spürt.

Als Gauguin in Arles war, habe ich mich,
wie Du weist, einmal verführen lassen, nach der
Phantasie zu arbeiten, eine schwarze Dame, die
in einer gelben Bibliothek einen Roman liest.

(FORTSETZUNG)

Damals erschien mir das Arbeiten nach der Phan-
tasie als etwas sehr reizendes. Aber, mein Lie-
ber, das ist ein verzaubertes Land, und plötzlich
sieht man sich vor einer unübersteigbaren Mauer.
Vielleicht, nach einem Leben von männlichem
Suchen und Streben, nach harten Kämpfen, Körper
an Körper, mit der Natur, kann man sich daran
wagen; aber ich will mir vorläufig nicht daran den
Kopf einrennen und das ganze Jahr über habe ich
mich nach der Natur abgequält, weder an den Im-
pressionismus , noch an dies oder jenes denkend.
Und doch habe ich mich wieder einmal gehen
lassen, ein neuer Fehlschlag und ich habe genug
davon. Also jetzt arbeite ich in den Olivenbäumen
und suche die verschiedenen Effekte des grauen
Himmels über gelbem Boden mit der schwarzgrünen
Note des Laubes; ein anderes Mal, Boden und Laub-
werk tief violett gegen gelben Himmel gesetzt,
dann wiederum der Boden gelbrot gegen einen zart-
grünen und rosa Himmel. Schliesslich interessiert
mich das doch mehr als all die obengenannten Ab-
straktionen. Wenn ich so lange nicht geschrieben
habe, so geschah es, weil ich keine Lust zum Dis-
kutieren hatte und in dem vielen Nachdenken
auch eine Gefahr sah, da ich gegen meine Krank-
heit kämpfen und mein Gehirn beruhigen musste.
Beim ruhigen Arbeiten werden schon die schönen
Sujets von selbst kommen, die Hauptsache nur ist,
sich ganz in der Wirklichkeit zu stählen, ohne
irgend welchen vorgefassten Plan, ohne eine von
Paris ausgegebene Losung. Uebrigens bin ich mit
diesem Jahr sehr unzufrieden, vielleicht aber wird
es sich als eine solide Grundlage für das kommende
herausstellen. Ich habe mich ganz von der Luft
der Hügel und der Obstgärten durchdringen lassen
und damit wollen wir mal sehen, wie wir weiter
kommen. Mein ganzer Ehrgeiz beschränkt sich
jetzt auf ein kleines Häuflein Erde: Getreide, das
emporspriesst, ein Olivengarten, eine Zypresse
(letztere übrigens nicht leicht zu machen). —

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