Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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AUS DER GORRESPONDENZ
VINCENT VAN GOGHS*

Ich glaube, es ist besser mit dem Messer einen
missglückten Teil wieder fortzunehmen und wieder
von vorn anzufangen, als immer wieder darauf
zurückzukommen.

Ich sah eine Skizze von Rubens und eine
Skizze von Diaz ungefähr zu gleicher Zeit. Wohl
waren sie nicht gleich, aber die Ueberzeugung,
dass die Farbe die Form ausdrückt, wenn sie an
ihrem Platz und in der rechten Verbindung steht,
das haben sie doch wohl gemein. Namentlich
Diaz sitzt der Maler in Mark und Bein, und die
Gewissenhaftigkeit steckt ihm in den Spitzen seiner
Finger.

Ich muss noch einmal auf gewisse Gemälde
der Jetztzeit zurückkommen, die immer zahl-
reicher und zahlreicher werden. Man hat vor zehn,
fünfzehn Jahren angefangen von „Helle" und
„Licht" zu sprechen. Zugegeben, dass das ursprüng-
lich gut war, — es lässt sich nicht leugnen, dass
meisterliche Dinge durch das System entstanden
sind, — aber mehr und mehr artet es in eine durch
die ganze Malkunst gehende Ueberproduktion von
Bildern aus, die an allen vier Seiten dasselbe
Licht, denselben, wie sie es, glaube ich, nennen,
„Tageston", dieselbe lokale Färbung zeigen, — ist
das gut??? Ich glaube nicht.

Ist in dem Ruysdael von van der Hoop (der
mit der Mühle) nicht „Freilicht"? Ist das keine
Luft darin, kein Raum? Luft und Erde bilden ein
Ganzes, gehören zu einander.

(FORTSETZUNG)

Van Goyen, der Corot unter den Holländern!
Ich stand lange Zeit vor dem monumentalen Gemälde
aus der Sammlung Dupper.

Das Gelb von Frans Hals, nenne man es, wie
man es wolle: „citron amorti" oder„jaune chamois",
was ist damit gethan? Es scheint auf dem Bilde
ganz hell, man halte aber einmal Weiss dagegen

* Vergl. vorigen Jahrgang, Seiten jtfj, 417, 4.62, 493.

Die grosse Lehre, die die alten holländischen
Meister uns gegeben, ist, dünkt mich, diese: Zeich-
nung und Farbe als Eines anzusehen, eine Ansicht,
die Bracquemond auch teilt. Das thun nun nicht
viele; sie zeichnen mit Allem, ausgenommen mit
gesunder Farbe.

Ich habe gar keine Lust, viel Bekanntschaften
unter den Malern zu machen.

Aber, um noch einmal auf die Technik zurück-
zukommen. In der Israels'schen Technik ist viel
Gesünderes und Tüchtigeres, — z. B. in erster Reihe
in dem ganz alten Bild „der Fischer von Zandvoort"
mit prächtigem clair-obscur — als in der Technik
derjenigen, die durch ihre stahlkalte Farbe überall
gleich glatt, flach und distinguiert sind.

Den Fischer von Zandvoort hänge man ruhig
neben einen alten Delacroix; „la Barque de Dante",
das ist dieselbe Familie. Daran glaube ich, aber
die Bilder, die überall gleich hell sind, werden mir
immer verhasster.

Es ist für mich unangenehm, dass sie von mir
sagen, ich hätte „keine Technik". Es ist möglich,
dass sich das im Sande verläuft, weil ich mich von
allen Malern fern halte. Es ist aber richtig, dass

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