Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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FRITZ von UHDE

VON

EDUARD von KEYSERLING

S ist gut, wenn wir unser Verhält-
nis zu unseren bedeutenden Künst-
lern immer wieder revidieren. Bei
uns wird ein Urteil so leicht histo-
risch. Keine Zeit hat eiliger Kunst-
geschichte und Litteraturgeschichte
geschrieben, als die unsere. Ueber einen Künstler
wird ein Urteil eingetragen, und es geschieht
leicht, dass, was er auch später noch schafft und
findet, er aber dennoch auf dieses eine Urteil
festgelegt wird. Kunst ist ja aber doch nach aussen
projiziertes Leben, und zwar intensivstes Leben.
Und wie das Leben ist auch sie in steter Bewegung
und Schwingung. Bei jedem echten Künstler ist
in jedem neuen Werk etwas Neues. Und nicht
nur der Künstler, auch wir, die wir seine Werke
geniessen, sind immer wieder anders. Ein Kunst-
werk sagt uns plötzlich Dinge, die wir früher
nicht verstanden. Es hatte gestern vielleicht einen
Platz in unserer gesamten Kunstanschauung, den

es heute mit einem anderen vertauschen muss.
Unser Verkehr mit Kunstwerken unterliegt den-
selben Schwankungen und Differenziertheiten, wie
unser Verkehr mit den Menschen unserer Um-
gebung.

Fritz von Uhde war uns in den achtziger
Jahren der Revolutionär. Als Revolutionär wurde
er bewundert und geschmäht. Der Maler der
„Trommelübung" und von „Lasset die Kindlein zu
mir kommen", war der Bringer einer neuen Kunst.
Er und Max Liebermann waren für uns Vor-
kämpfer einer neuen Zeit. Diese beiden Künstler,
die so verchieden in ihren Künstlertemperamenten
und wohl auch in den inneren Voraussetzungen
ihrer Kunst sind, sie brachten beide, jeder auf seine
Weise, das in die deutsche Kunst, was in Frank-
reich im Kampfe um Wahrheit, Licht, Luft, Farbe,
Bildhaftigkeit erobert worden war. Sie brachten
es aber nicht als eine fremde, importierte Kunst,
sondern wie eine Kunst, die in ihnen zu einer

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