Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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NOTIZEN VON EINER
REISE NACH GRIECHENLAND

VON

HENRI VAN DE VELDE

Wer rein verstandesmassig und vernünftig ein
Problem aufgreift, von dessen Gedankenfolge gilt
die Vermutung, dass sie in dem Geistesleben auch
fremder Nationen und Rassen verwandten Ge-
dankenketten begegnen wird.

Wer die Kräfte seiner Phantasie wirken lässt,
von dessen geistiger Bethätigung gilt die Gewissheit,
dass sie ausschliesslich innerhalb der eigenen Nation
und Rasse im vollen Umfang gewürdigt werden
wird.

Was die logische Reflexion zurückgeführt auf
eine einheitlich und allgemein gültige Gesetzmässig-
keit, das erfährt durch die Bethätigung der Phantasie
eine unendlich gewandelte Mannigfaltigkeit.

Die Wirkung des Verstandes reicht bis ans Ende
der Welt; die Aeusserungen der Phantasie werden
kaum über die Landesgrenzen hinaus verstanden
und gewürdigt.

Wessen Wille auf die Gesamtheit abzielt, dem
bleibt keine Wahl; er lässt die Kräfte des Ver-
standes, der Vernunft wirken.

^g% Phantasie in der Kunst — Phantasiegebilde
der Kunst.

Ich geniesse das wie Pralines zum Five o'clock
— wie die Konversation der Dame, die sie mir an-
bietet — wie ihre Worte, denen ich mit der über-
zeugtesten Miene der Welt folge, mit einer Miene,

die doch nichts sagen will, als dass all das mir voll-
kommen gleichgültig ist.

Meine Wirtin erwartet es nicht anders; sie weiss,
dass Pralines und Konversation so genossen werden
wollen.

%j^% Problem: leben wir noch in einer Zeit, wo die
Menschheit sich von Pralines und von Thee-Konver-
sation nährt — oder aber, — was das gleiche be-
deutet — von Phantasiegebilden der Kunst?

Wenn ich die Phantasie in der Kunst mit Näsche-
reien und mit der Konversation hübscher Frauen
vergleiche — zu anderen gehe ich nicht zumThee —
so ist damit gesagt, dass ich persönlich dieser Phan-
tasie und den selbst willkürlichen Phantasiegebilden
der Kunst nicht allen Wert abspreche; aber ich
glaube, dass die Menschheit von heutzutage weniger
differenziert fühlt und dass sie keine Thees besucht.
%jj3 Wer zu viel Zucker isst, der muss bald zum
Zahnarzt — so hat man mich immer wieder gelehrt,
als ich noch Kind war; und da hat mich die Furcht
vor dem Zahnarzt gepackt und ich bin vernünftig
geworden.

Infolgedessen bediene ich mich der Phantasie
in der Kunst und aller Phantasiegebilde ebenso-
wenig als des Zuckers. Zwei Stück im schwarzen
Kaffee; "genau der Zusatz an Phantasie, den eine
vernünftige Konzeption eines Problems gestattet.

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