Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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IN DER AKADEMIE JULIAN

VON

LOVIS CORINTH

"V /(jNnouveau! tönte es durch

fl _ das Bouguereau-Atelier der

Akademie Julian. Einige
Neugierige drehten den
|k\ Kopf' nach dem Eingetrete-
,y./ nen, die anderen arbeiteten
' ruhig weiter und stimmten
nur in den Ruf ein.
Un nouveau! Das ganze
Atelier erzitterte vor dem
üröhnenden Geschrei.
Erst als die Pause des Modells
war, sammelte sich alles um den
Neueingetretenen. Er stach mit seinem strup-
pigen, dunklen Bart und viereckigem Gesicht bizarr
von den Anderen ab.

„De quel pays etes-vous, monsieur" fragte der
Massie der Klasse.

Er aberthat als verstünde er nicht, dennPreussen
oder wenigstens Deutschland nennen, schien ihm
gleich einer Herausforderung zum Kampf.

Deshalb sah er von einem zum anderen und die
Wände entlang, die mit Karikaturen, gezeichneten

*) Leider gestattete uns der Autor nicht, die Anonymität seines
Helden „Stiemer1' dem neugierigen Leser zu enthüllen. Wir dürfen
nur anzudeuten wagen, dass auch Cäsar es liebte, von sich in der
dritten Person zu sprechen. Die Red.

und gemalten Akten bedeckt und mit gebrauchter
Oelfarbe beschmiert waren.

„D'ou venez-vous, monsieur?" „D'Anvers" er-
widert er schnell, denn das schien der beste Ausweg.

Vous etes Beige ?

Non, monsieur.

Votre nom, monsieur?

„Stiemer."

Vous etes Americain?

Kopfschütteln.

Ou avez-vous etudie? fragte der Atelierälteste
schon ungeduldiger.

A Munich.

Alors vous etes Bavarois?

Oui, monsieur, bejahte Heinrich. Es schien
ihm zwar ein wahrer Verrat an seinem Vaterland,

aber in Anbetracht der Feindschaft-------;er konnte

nicht zu Ende denken, denn ein wüstes Gejohle
entstand, indem sich alle Köpfe, nach einer Richtung
suchend, hindrehten.

Baschmang un compatriote! Baschmang! ou est
Baschmang!

Einige waren schon bei ihm und zerrten ihn
zu dem Neuen hin, der in ihm eine komische Be-
rühmtheit aus München wiedererkannte.

Beide schienen nicht grade erfreut, sich hier wie-
der zu sehen und reichten sich daher geniert die Hand.

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