Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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CHRONIK

NACHRICHTEN, AUSSTELLUNGEN ETC.

Bei Schulte fand eine Ausstellung von ArbeitenTrüb-
ners statt. Ein „Einjähriger" mit prachtvollen Augen.
Ein „Mohr", der scheinbar wenig gezeichnet, in den
Tönen aber richtig genug ist, um nichts vermissen zu
lassen, auch wenn man an die Mohrenstudien von Peter
Paul Rubens nicht denken darf. Ein reges Leben von
Farbe; wundervoll satt hingesetzte Töne; blühend schö-
ner Hintergrund in leuchtend roter Glorie. Famos die
Finger-enden, bei denen das Blauschwarz der Finger-
nägel scheinbar realistisch behandelt wurde und doch nur
Ton, nur Fläche ist. Auch die brennende Cigarre in der
Hand dieses Mohren bietet nur Fläche, und nicht
Modellierung — auch der Rauch der Cigarre Fläche,
Farbe, und nicht den in die Lüfte entweichenden wirk-
lichen Stoff des Dampfes. Von der Realität der Er-
scheinung des Lebens — so realistisch der Künstler auch
zu sein wähnte, soviel Realismus auch die Zeitgenossen
in ihm zu finden glaubten, so dass Etwelche über ihn
schrien — ist nichts vorhanden, nur ein Leben im Ton,
ein Gefühl für gesättigte Töne. Es ist ein prachtvolles
Bild.

Auf gleicher Höhe steht nur noch eins aus der Trübner-

sammlung, die man jetzt bei Schulte sieht: der be-
kannte „Leichnam Christi". Dieses Bild ist eins unter
mehreren, welche das gleiche Thema behandeln; es
wurde gemalt, als Trübner dreiundzwanzig Jahre alt
war — der „Mohr", als er zweiundzwanzig Jahre zählte.
Der „Leichnam Christi" ist noch schöner als der
„Mohr"; bedeutender. Nicht etwa unmittelbar wegen des
Stoffes; man darf nicht an Christus denken; so wenig von
Christus ist hier dargestellt wie nebenan in dem gemalten
Dampf des Mohren Cigarrendampf. Christus, vielmehr
der hingestreckte Leichnam eines schönen ebenmässigen
Mannes hat nur das Motiv gegeben. Doch obwohl Trüb-
ner bei dem Leichnam an nicht mehr gedacht haben mag
als bei dem Mohren, so hat ihn doch das grosse Motiv:
der lebensgrosse Leichnam auf einer ruhigen, dunklen
Fläche, vor einem klassischen Hintergrund, — der nicht
„schwarz", sondern, infolge der guten Malerei, „blond"
ist — so hat ihn dieses Motiv zu einer Leistung geführt,
die den tiefen Werken alter Meister sich angliedert.
Dieses Meisterwerk hat Trübner in Antwerpen geschaf-
fen, mithin im Schatten von Rubens. Aber es ist, wenn
der Gedanke an Rubens auch nicht ganz zu bannen ist,
doch in der reinen Menschlichkeit der Figur und ihren

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