Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

Page: 263
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1905/0280
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
»>■'?•* 1/ <

CHRONIK

NACHRICHTEN, AUSSTELLUNGEN ETC.

Von Menzels Fähigkeit sich zu objektivieren hat
einen der stärksten Beweise ein Vorfall aus den Jahren
seines höchsten Alters gegeben. Ein sehr ernster Un-
fall hatte ihn getroffen, so dass er schwerkrank zu Bette
lag; er sah die Ärzte, während er aus dem Schlummer
halb munter werdend einen Moment hindurch die Augen
öffnete. Sie standen in einer Ecke des Zimmers, wo
sie sich mit leisen Stimmen über den Fall besprachen.
Menzel schlief wieder ein. Als er wohler geworden,
machte er eine Zeichnung: ein Schwerkranker, im Halb-
schlaf im Bette, und in einer Ecke stehen im Schatten
die Ärzte und halten flüsternd eine Konsultation ab.

Über seinen ausgezeichneten Witz gehen eine
Menge Anekdoten um. Eine seiner glänzendsten Be-
merkungen — sie wird um so bewundernswürdiger, als
Menzel damals 88 Jahre zählte — war die Antwort, die
er auf die Frage eines Bekannten erteilte, wie ihm
Liebermanns Bild: „Simson und Delila", gefalle. Man
hing in dem Zimmer an seinen Lippen. Jeder wollte
eine Entgegnung hören, die womöglich für Liebermann

unangenehm ausfiele. Menzel tat den Leuten nicht den
Gefallen. „Über die Verhältnisse von zwei Liebenden
soll ein Dritter nicht urteilen," sagte er nur.

Eine sehr schöne Totenfeier hielt Prof. Joachim ab.
Am 9. Februar gab es in der Singakademie Quartett-
abend. In dem lichterglänzenden Saal herrschte die
milde Freudigkeit der Erwartung klassischer Musik.
Vorm Anfang erhob sich Joachim. Mit ihm erhob sich
das Publikum, das nichtsahnend und überrascht war.
„Sie alle wissen, wer uns heute früh gestorben ist. Wir
wollen das Programm ändern und werden zuerst, zum
Andenken an den teuren Toten, die Cavatine von
Beethoven spielen, welche er so sehr liebte." Joachim
hat eine schöne, priesterlich männliche, etwas rauhe
Stimme. Ihr Ton macht bei der Ungezwungenheit,
zugleich Würde, mit der Joachim spricht, grossen Ein-
druck.

Schauderhaft benommen hat sich die pariser Akade-
mie. Der Maler Detaille teilte mit, dass sie von der

263
loading ...