Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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ALT-AEGYPTISCHE TIERDARSTELLUNGEN

VON

HEINRICH PUDOR

D

kAS Interesse an künstlerischen Tier-
darstellungen hat in unseren Tagen
eine ausserordentliche Ausdehnung gewon-
nen. In der Litteratur haben besonders
Kipling und Maeterlinck Meisterwerke der
Beobachtung intimen Tierlebens geschaffen,
in der Malerei Bruno Liljefors, in der
Plastik Gaul, Fremiet und Gardet, um nur
Beispiele anzuführen. Man vergegenwär-
tigte sich die tief eindringende Kraft, mit
welcher der mit den Präraffaeliten so eng
verwandte Maurice Maeterlinck das Leben
der Bienen dargestellt hat. Man denke an
ein Bild wie Sträckande Ejder von Bruno
Liljefors, vor welchem man sich von den
Wohnstätten der Menschen weit, weit ent-
fernt glaubt, und den Pulsschlag des Natur-
lebens in nordischer Einsamkeit, Wildheit
und Grösse zu vernehmen glaubt. Zugleich
aber begann man dem Tierleben aufs neue
die humorvolle Seite abzugewinnen. Ge-
rade nach dieser Seite schuf Kipling* klas-
sische Studien, zum Beispiel in seinen Dar-
stellungen des intimen Lebens der Elefanten
des amerikanischen Urwaldes. Ich erinnere
auch an die köstliche Humoreske Arthur
Colton's Liebchen, eine Geschichte von

zwei Menschen, einem sentimentalen Walfisch und einem Huhn. Der Zeitgeist verlangte hiernach und

das Kunstgewerbe folgte ihm.

Blickt man aber zurück und fragt, ob nicht etwa schon in früheren Zeitperioden ein tieferes Interesse

und Verständnis für die Tierseele hervorgetreten ist, so wird man hierbei in erster Linie an das alte

* vergl. auch die ausgezeichneten Illustrationen J. Charle Dollmans zu Kiplings Tierphantasien, z. B. „Movglie."

RELIEF AUS DEM GRABE DES HAPI. DER TOTE BEIM FISCHSTECHEN

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