Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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AUS DER CORRESPONDENZ
VINCENT VAN GOCHS

Es scheint mir immer mehr und mehr, dass die
Bilder, die gemalt werden müssten, die notwendigen
und unumgänglichen Bilder, wenn die Malerei die
heitere Höhe der griechischen Bildhauer, der
deutschen Musiker, der französischen Romanschrift-
steller erreichen soll, die Kraft eines einzelnen Indivi-
duums überschreiten. Sie müssten also demnach
von einer Gruppe Künstler ausgeführt werden, die
sich verbinden, um eine gemeinsame Idee auszu-
führen. Zum Beispiel einer hat einen glänzenden
Farbenauftrag, und es fehlt ihm an Ideen, jener hat
eine Ueberfülle von ganz neuen dramatischen oder
heiteren Eingabungen, ihm fehlt aber die richtige
Form sie wiederzugeben. Grund genug, um den
Mangel von Corpsgeist bei den Künstlern zu be-
klagen, die einander kritisieren, befehden, glück-
licherweise ohne einander vernichten zu können.

(FORTSETZUNG)

Du findest dies alles wohl banal? Wer weiss! Aber
die Sache an sich, die Möglichkeit einer Renaissance,
das ist doch gewiss keine Banalität!

Es thut mir manches Mal leid, dass ich mich
nicht dazu entschliessen kann, mehr zu Hause und
aus dem Kopf zu arbeiten. Sicherlich ist die Phan-
tasie eine Fähigkeit, die man entwickeln muss, denn
sie allein setzt uns in Stand eine begeisterndere und
tröstlichere Welt zu erschaffen, als wir mit einem
flüchtigen Blick auf die Wirklichkeit, die sich stets
wandelt und schnell wie der Blitz vorübergeht, auf-
fassen können. Wie gern würde ich einmal ver-
suchen den Sternenhimmel zu malen! Und ebenso
am Tage eine Wiese vollbesät mit Löwenzahn!
Wie soll einem aber das gelingen, wenn man sich
nicht dazu entschliesst, zu Haus und nach der Phan-
tasie zu arbeiten.

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