Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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ausgebildet. Die Schlussplatten an der Decke, von der
die Schnüre für die Birnen herabhängen, sind entweder
aus Kupfer oder wie hier aus Alpaccasilber, gehämmert
und schön geschnitten, sie sitzen wie ornamentale
Füllungen in dem rauhen Putz der Decke. Aber nicht
als tote sinnlose Zierstücke, sondern als zweckvolle
Utensilien, die ihre praktische Funktion in Schönheit
üben. Korrespondierend mit den Schlussplatten ist
die Montierung der Glühkörper.

In die Wände der Schauhalle waren Schränkchen und
offenes Fachwerk als Auslage der Geräte eingebaut.
Im kleinen sind dabei die Architektur-Prinzipien Hoff-
manns und Mosers angewendet. So sind in der Cot-
tage der Hohenwarte die Schränke nicht nur Auf-
bewahrungsorte, sondern sie dienen als Paneel, als
Pforten, sie schneiden Ecken aus, sie begrenzen Kamin-
winkel, sie werden Architekturglieder, und zwar, da sie
durch ihre Doppelbedeutung uns viel näher stehen,
Architekturglieder von intimem heimlichem Leben.
Aehnliches war auch hier versucht. Die Kästen und
Schränke, die die Vorführung der Werkstattleistungen
übernahmen, gliederten die Wand vertikal und horizon-
tal und erzielten eine Flächenbehandlung von besonderer
Wirkung. Der untere Teil der Wand aus weissem Be-
wurf war in grösseren Abständen von schmalen ver-
glasten Thüren pfeilerartig geschnitten und über diesem
hellen Paneel zog sich horizontal wie ein schwarzer
Fries die Reihe der eingebauten Kästen, aus deren
dunklem Hintergrund hellschimmernd das Silbergerät
leuchtete. —

Bei Wertheim ist eine vom londoner Lyceum-Club
veranstaltete dekorative Ausstellung eröffnet worden.
Englische Frauen haben sie beschickt. Die Physiogno-
mie erinnert an die der Arts and Crafts Exhibitions,
massgebend wirkt, vor allem für die Metallbehandlung,
die Ashbee- Note und Ashbee hat sich auch selbst be-
teiligt. Man sieht von ihm Arbeiten in seinen bekannten
Techniken: Becher, Schalen, Dosen aus gehämmertem
mattweissem Silber von jener sehnigen vibrierenden
Struktur, die die Flächen wie eine belebte Epidermis
erscheinen lässt. Dazu kommt die koloristische Be-
tonung durch einige echte Halbedelsteine. Von den
Künstlerinnen, die solche Anregung selbständig fort-
geführt haben, ist besonders beachtenswert Miss Cornell.
Sie hat einige ausgezeichnete Silbergefässe ausgestellt.

Dem schimmernden Kolorit Ashbeescher Emaillen
verwandt sind die beiden Emailbilder von Miss Harvey.
Die brünstigen Farben, das Gelb und Grün und goldige
Braun schmelzen ineinander.

Neben solchen Stücken künstlerischer Klasse sieht man
aber viel Basarmässigkeit. Die Möbel sind wenig ausgiebig
und lohnten nicht die Reise, die Kostüme zeigen weder
im Schnitt noch in der Farbenkomposition eine Delika-
tesse, die vorbildlich sein könnte. Sogar fatale Rück-
ständigkeiten kommen vor und bezeugen lehrreich, dass

auch England durchaus nicht unfehlbar ist und nicht
einseitig nach dem sonst so sorgsam ausgelesenen Ge-
schmackexport beurteilt werden darf.

Recht Gelungenes findet man in der Vitrine für
Bücher, aber diese bibliophile Provinz wird natürlich
geschlagen durch die reichhaltige und schöne Buchaus-
stellung, die jetzt im Kunstgewerbemuseum stattfindet
und aus allen Reichen eine Schönheitskonkurrenz zu-
sammen gebracht hat. —

Die kostbaren Morrisdrucke verkünden hier hohe
Vollendung; dänische und belgische Buchkünstler, die
weniger bekannt sind, entzücken durch Geschmacks-
finessen farbigen Druckes und origineller Einbände.
Bizarre Laune, eine Klein-Plakatkunst, dabei von
sicherem Geschmack dirigiert, tummelt sich in den
Drucken Amerikas. Und wirklich gut schneidet Deutsch-
land ab, das in den letzten Jahren gerade im Buchwesen
eine schnelle und glückliche Entwicklung genommen hat
und das, wie es das Prachtwerk überwand, nun ver-
ständnisvoll und energisch an der Arbeit ist, den leeren,
tapeziermässigen Buchschmuck in missverstandenem
Modegeschmack zu überwinden und das Buch als orga-
nische Einheit auszubauen.

Auffallend ist in diesen Auslagen deutscher Verleger
die Zunahme der gelungenen Einbände, die nicht nur
wie im Anfang sich an ihrem guten Material genügen
lassen sondern auch in der Schrift und ihrer Anordnung
auf Rücken und Deckel liebevolle Stilüberlegung be-
weisen und die sich von der edelen Pergamenthülle
bis zum schlichten Pappband mit vollendeter Distinktion
tragen. Menschen und Bücher fangen in Deutschland
an besser angezogen zu sein. F. P.

DIE GROSSHERZOGIN CAROLINE VON WEIMAR

Am 17. Januar starb die Grossherzogin Caroline von
Sachsen-Weimar im noch nicht vollendeten einund-
zwanzigsten Jahr. Mit ihr starb eine Fürstin, von der die
Kunst noch viel Förderung zu erwarten gehabt hätte.
Sie besass ein instinktives Verständnis für das Starke in
der Kunst — und im Leben. So erzählt man, dass sie,
als sie das im Ausdruck auffallend kühne Bildnis einer
jungen Dame in Weiss von Trübner sah, den Ausspruch
that: so möchte auch ich aussehn, so frei. Um so höher
war ihr Gefühl in Kunstdingen einzuschätzen, als sie in
diesemBereich ohne eigentliche Erziehung aufgewachsen
war. Sie besass auch grossen Respekt vor Kunstdingen
und Künstlern. Als Klinger eine Rede auf den Gross-
herzog an einem Künstlerbundstage gehalten hatte, sagte
sie: das ist aber eine grosse Ehre für meinen Mann. —
Eine ihrer letzten Freuden ist der Ankauf einer lebens-
grossen Bronze von Rodin für das Museum in Weimar
gewesen.

DRITTER JAHRGANG, FÜNFTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 25. JANUAR. AUSGABE AM DRITTEN FEBRUAR NEUNZEHNHUNDERTFUNF
VERANTWORTLICH FÜR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN. GEDRUCKT IN DER OFFIZIN VON W. DRUGÜLIN ZU LEIPZIG.
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