Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 3.1905

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Georg Kersting sieht. Besonders ansprechend und
für ihn bezeichnend erscheint mir das gleichzeitig
mit diesem Bilde entstandene Porträt Luise Seid-
lers, der Malerin, deren Beziehungen zu Goethe
Herrman Grimm in einem Essay erklärt hat. Es
ist ein kleines meergrünes Zimmer. Im Hinter-
grund ein einfaches Sopha, leicht vibrierend grau-
violett gestreift. Ein weisses Notenheft liegt
darauf und eine Mandoline, hellbraun mit himmel-
blauem Bande. An der Wand hängt ein ver-
schwommen gesehenes Bild in leichtgelbem Rahmen,
um den sich Winden ranken, hellgrün mit weissen
Blüten und einer rosa Schleife. Weiter vorn, am
offenen Fenster, durch das man in matt blauen
leise weiss bewölkten Himmel blickt und vor
dem einige Topfpflanzen stehen, ein knospender
Rosenstock und andere Blumen, die sich in den
Scheiben spiegeln, sitzt ein schlankes blondes
Mädchen und stickt, mit zierlichem Finger: das

frische Rosa ihres feinen Gesichtes
in dem hier tieferen Meergrün des
Grundes und auf der zarten rosigen
Hand das dunklere Rot eines Ringes.
Das Kleid des Mädchens ist blaugrün
und weiss, die braunschwarze Schürze
von dünnem Gewebe, durchscheinend.
Ganz vorn in dem Zimmer steht auf
einer hart braungelben Kommode ein
Körbchen mit einer weissenHandarbeit,
und der Spiegel darüber nimmt in dem
schwebenden Grün der Wand das edle
Profil des Mädchens auf. Dieses Spiegel-
bild ist wie mit einem spitzen Griffel
eingeritzt und ebenso sind alle geraden
Linien im Raum haarscharf. —

Von Georg Friedrich Kersting (1783
bis 1847) und seinen Interieurporträts
schweigt die sonst so redselige Künstler-
geschichte. Vieles wäre freilich auch
weiter nicht über ihn zu sagen. Er
kommt aus Norddeutschland, wie
Friedrich: Mecklenburg ist seine Hei-
mat, und wie der Greifswalder hat
auch er in Kopenhagen studiert (wo
er in den Jahren 1806 und 1808 Aka-
demiepreise erhält und 1809 das
Bild einer Schmiedewerkstatt — wohl
in der Art eines Gemäldes von Le
Nain — ausstellt), um dann in Dres-
den zu arbeiten. 1 81} zieht er in
den Krieg, mit Körner unter Lüt-
zows Schar. Wir erfahren, „dass er beim Sturm
der erste auf der Schanze gewesen, dass er
Offizier geworden und das eiserne Kreuz erhalten
habe". Als er heimkommt, fehlt es an Aufträgen.
Goethe greift damals ein und veranstaltet eine Lot-
terie seiner Bilder. Die Ungunst der Zeit scheint
ihn dann bald veranlasst zu haben in der Wahl
seiner alten Meister, um Namen zu nennen, von Ver-
meer — oder ist mit Chodowiecki schon genug
gesagt? — auf Dou herunterzugehen, auch Historien
und Religiöses zu malen. Später ist er sogar Maler-
vorstand der Porzellanmanufaktur in Meissen ge-
worden.* Ludwig Richter hat ihn dort noch kennen
gelernt und in seiner Familie verkehrt, „in welcher
Einfachheit der Sitte und teilnehmendes geistiges;
Leben in schönem Verein zu treffen war".

* Doch hat das aus der meissener Zeit stammende Interieur-
bild eines vor dem Spiegel das Haar flechtenden Mädchens (in
Kiel) malerische Qualitäten und ist in der Auffassung Schwinds;
„Morgenstunde" wohl zu vergleichen.

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