Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

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welcher gemessen die Schlichtheit und Verhaltenheit
der Originale blass wirken mussten. Weshalb denn so
mancher deutsche Maler enttäuscht im Louvre davor-
stand und sich nicht die Zeit nahm, seine Organe auf
das feine Netzwerk dieser Schönheit einzustellen.
Rosam aber, bei dem Kunstinstinkt und kritischer Sinn
stets sehr stark waren, ging 1908 in Paris mit zäher
Gründlichkeit an das Studium der aus der Ferne halb-
gekannt Verehrten. Eine seiner ersten Arbeiten war
eine Kopie der Don-Juan-Barke, — und diese blieb sein
letztes „grosses Format".

Er verkehrte dort im Cafe du Dome, wo sich ein
grosser Teil der modernen deutschen Künstlerschaft
traf. (Von Malern seien zum Beispiel Bondy, Gross-
mann, Rud. Levy, Pascin, Purrmann, Weisgerber ge-
nannt.) Der Ton war hier auf nichts weniger als auf
Gemütlichkeit gestimmt, doch nahmen die Reflexe der
Abenteuerlichkeit und der Harmonie von Paris dem
gegenseitigen Verkehr das Banale und das kahl Intel-
lektuelle. Rosam fühlte sich in dieser Umgebung sehr
wohl und zugehörig, sei es als stiller Zeitungsleser oder
Schachspieler, sei es in flammendem, ausdauerndem
Kampf um künstlerische Fragen, Kämpfe, die er mit
unerbittlicher Logik zu führen wusste. Ein Mittelpunkt
leidenschaftlicher Gespräche war damals Henri-Matisse,
sowohl seine Bilder wie auch die Lehre, welche er ver-
kündete. Denn sein kürzlich in einem alten Kloster
eröffnetes Atelier wurde, besonders von den Gegnern,
nicht als eine Stätte des einfachen Studiums, sondern
als eine Art Prinzipien-Tempel aufgefasst. Auch Rosam
ging hinein, anfangs sehr skeptisch, bald aber spürte er
— vielleicht zum erstenmal im Leben — die Wirkung
einer ihm auf eigenstem Gebiet stark überlegenen Per-
sönlichkeit, spürte zugleich auch gewisse Lücken seiner

Ausbildung und nahm so (wie fast alle, die nicht ge-
kommen waren, um Exzentrisches zu treiben oder zu
erfahren) praktischen und theoretischen Gewinn mit
sich. Mag man nun auch auf seinen Landschaften aus
Südfrankreich und Italien (1910/11) die Spuren davon
entdecken, so muss man doch als seinen letzten, ent-
scheidenden Meister nicht Matisse nennen, sondern
einen grösseren: Cezanne.

Unzählige nennen ihn ihr Vorbild und „entwickeln"
leichten Mutes aus seinen Tafeln das Unerwartetste.
Rosam aber näherte sich ihm bescheiden und mit Ehr-
furcht und schloss sich ihm an, wie etwa die Frank-
furter Generation der sechziger Jahre an Courbet. Und
da entstanden — intensiv, ohne jede Spur von Schnell-
fertigkeit oder Hochstapelei des Pinsels — jene reich-
harmonischen Landschaften und Stilleben von 1912, die
den Höhepunkt seiner Arbeit bedeuten und wohl wür-
dig sind, in der Tribuna des Bleibenden einen Platz zu
erhalten.

Ein Nervenleiden zwang dann Rosam, die Arbeit
eine längere Zeit ruhen zu lassen. Als er wieder be-
gann (in Berlin), da schwebten ihm neue Dinge vor.
Denn wie er stets den kategorischen Imperativ gespürt
hat, „zu seiner Zeit gehören" zu müssen, so trug er sich
jetzt mit aktuellen Ideen der zeichnerischen Bildauf-
teilung und eines entsprechend freieren Kolorismus.
Auf seinen letzten Leinewänden sehen wir einen An-
fang und schöne Versprechungen, deren Erfüllung uns
nun das Schicksal versagt hat. — Wir alle aber, die ihn
gekannt haben, werden die Erinnerung an einen Cha-
rakter behalten, wie der strenge Dienst der Kunst ihn
fordert: Rein und unbestechlich durch die Lockungen
raschen, billigenErfolgs, von höchstem moralischen Ernst
und klarer Sachlichkeit erfüllt. F. Ahlers-Hestermann.

iUNSTAUSSTELLUNGEN

MÜNCHEN

Die Moderne Galerie Tbannbauser
zeigt zur Zeit in ihrem grossen Ober-
lichtsaal siebzig Werke Meisters
Spitzwegs. Die Ausstellung, die man sich freilich lieber
in den kleineren Räumen der Galerie gewünscht hätte,
rundet das Bild, das wir bereits von dem Schaffen dieses
Münchener Malers besitzen, nicht unwesentlich ab.
Nicht nur dass die Ausstellung an vielen guten und
etlichen massigen Beispielen ein klares Bild von der ge-
samten künstlerischen Entwicklung Spitzwegs giebt,
sondern sie lehrt uns durch einige bisher der grösseren
Öffentlichkeit unbekannte Stücke ganz neue Seiten an
dem Maler Spitzweg kennen. In dem ungemein tonigen,

mit ungewöhnlicher Kunst gemalten „Klosterkeller",
der schon durch sein relativ grosses Format auffällt, greift
Spitzweg seiner Zeit weit voraus und lässt uns nicht nur
an die Diez-Schule, sondern fast schon an Schuch denken.
Uhde-Bernays dürfte wohl recht haben, dass dieses Stück
etwa i8jo, kurz vor Spitzwegs Reise nach dem Süden
und nach Pari1;, entstanden ist. In dem Vorwort, das
dem Ausstellungskatalog vorangestellt ist, meint der
bekannte Spitzweg-Biograph, dass dieses Stück aus Spitz-
wegs Studium des Helldunkels entstanden sei, das ihn
zum Kopieren Rembrandts und anderer grossen Talente
veranlasste. Nicht weniger fesselt das nicht ganz voll-
endete kleine Kirchen-Interieur, das zu den eindrucks-
vollsten Leistungen des Malers gehört. Gewiss ist es
möglich, dass bei diesem Stück Erinnerungen an Delacroix

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