Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 15.1917

Seite: 153
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1917/0169
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
w

illielm Valentiner. Aus der niederlän-
dischen Kunst. Mit 60 Abbildungen.

Bei Bruno Cassirer Berlin 1916.

Es mag ein Zufall sein, dass eben jetzt zwei sehr
bemerkenswerte Publikationen über niederländische
Malerei erschienen sind: Friedländers Zusammenfassung
der Altniederländer aus der Zeit von Eyck bis Bruegel
und kurz darnach Valentiners Aufsätze aus dem Ge-
samtgebiet der niederländischen Kunst mit besonderer
Betonung der Malerei. Ob Zufall oder nicht, eine
sehr erfreuliche Thatsache ist es, dass trotz des Krieges
und wohl auch nicht ohne Zusammenhang mit ihm die
niederländische Kunst aus der sehr zurückgeschobenen
Stellung hervortritt, die sie infolge lang nachwirkender
Vorurteile bei uns im Verhältnis zu der italienischen ein-
genommen hat. Wie genau sind wir über die alten Italiener
unterrichtet und wie wenig über die Niederländer. Ohne
einen Vergleich anstellen wollen, möchte ich sagen, dass
es eine Schande ist, dass wir das Werk von Michelangelo
nahezu völlig aufgeklärt haben, aber bei Rubens, Franz
Hals und Rembrandt in bezug auf recht wichtige Fragen
noch im Düstern herumtappen. Wer sich über unsere
nordischen Meister orientieren will, findet in der kunst-
geschichtlichen Literatur wenig Trost und sichere Füh-
rung. Für die Altniederländer hat nun Friedländer wie-
der einen Schritt nach vorwärts gemacht, indem er mit
vollkommener Beherrschung des Stoffes die Fülle des
in den letzten Jahren bekannt gewordenen neuen Ma-
teriales an bequem zugänglichem Ort in seinem Buche
zu der gerade durch seine Schrift notwendig gewordenen
Diskussion stellte. Valentiner hat ein Gleiches für die
niederländische Malerei, Architektur und Plastik gethan,
allerdings ohne seinem Buche eine abschliessende Run-
dung zu geben. Er bringt einzelne Aufsätze, die er hier
sammelt, nachdem er schon mehrere von ihnen im
kunsrgeschichtlichen Revuen veröffentlicht hatte. Sie
stehen natürlich in einem gewissen Zusammenhang,
aber nur insofern als sie Kinder der gleichen An-
schauung sind. Für den Fachmann sogar ist der Um-
fang des in diesem SpezialStudien gesammelten Materi-
ales beunruhigend. Es war ein Lieblingsausspruch des
Münchener Archäologen Furtwängler, dass die neuere
Kunstgeschichte es noch nicht bis zum Range der Wissen-
schaft gebracht hat. Valentiners Buch gegenüber würde
er vermutlich dieses Urteil nicht aufrecht gehalten haben.
Ich hebe hier besonders den Essai über die Haarlemer
Malerschule des fünfzehnten Jahrhunderts hervor, der
sich zu einer Darstellung der altholländischen Malerei
ausgewachsen hat und sich durch die Unbefangenheit
auszeichnet, mit der sich Valentiner den verschiedenen
Parteien gegenüber selbständig hält; denn auch in der
kunstgeschichtlichen Forschung giebt es Parteien. Noch
vor wenigen Jahren konnte man in deutschen Museums-
kreisen recht abfällige und hochmütige Urteile über
die Sammelthätigkeit der Amerikaner hören, denen an-

geblich nur unendlich viel Geld, aber kein sachver-
ständiger Geschmack zu Gebote stehe. Es ist ja wahr,
dass Amerika ausserordentlich viel Fälschungen ge-
schluckt hat: aber es ist auch wahr, dass ein hoher, sehr
hoher Prozentsatz der von Amerika erworbenen Kunst-
werke echt und hervorragend ist. Diesen echten Haupt-
werken gegenüber kommen die Fälschungen und der
Schund auf die Dauer nicht in Betracht. Es ist nun
einmal wahr, dass mehr als ein Zehntel des Lebenswerkes
von Rembrandt in Amerika ist, und wie sich das auch
für die anderen grossen Niederländer verhält, hat die
Hudson-Fulton-Exhibition den erschreckten Augen des
alten Europa nur zu deutlich gezeigt. Bis der grosse
Krieg zu Ende ist, wird sich das Verhältnis noch weiter
zugunsten von Amerika verschoben haben. Unter
diesem Hinblick sind für uns zwei Aufsätze von Valen-
tiner besonders interessant: die Gemälde des Rubens
in Amerika und die Gemälde von Dyck in Amerika.
Valentiner hat eine ausserordentlich genaue Kenntnis
des Bilderbestandes der Vereinigten Staaten und gibt
uns hier sehr eingehenden und solide kritischen Bericht.
Was zum Beispiel von Rubens in Amerika ist, straft die
alte Behauptung Lügen, dass die Amerikaner nur mit
Geld sammeln; denn die grossen Hauptwerke des Ant-
werpeners sind fest in Europa und auch einem Morgan
unzugänglich. Jedoch sind vom reinkünstlerischenStand-
punkt aus die Hauptwerke noch nicht einmal das Alier-
interessanteste, was wir von Rubens besitzen. Seine Skiz-
zen sind an Geist den fertigen Bildern gleichwertig,
und da die grossen Museumsstücke für Amerika nicht
erreichbar sind, so hat es sich auf die im Handel immer
wieder vorkommenden Skizzen geworfen, von denen es
bereits eine grosse Zahl besitzt. Das ist nun nicht Sache
des Geldes, sondern einer gut beratenen, sehr anerken-
nenswerten Sammlerthätigkeit. Valentiner veröffentlicht
viele dieser Skizzen. Wenn ich auch solche Studien er-
wähne wie die sehr inhaltreiche über Rembrandts Dar-
stellungen der Susanna, hoffe ich angedeutet zu haben,
wie viel Nutzen, Anregung und zuverlässige Belehrung
aus Valentiners Buch zu ziehen ist. Karl Voll.

Allgemeines Lexikon der bildenden Künste.
Herausgegeben von Ulrich Thieme.

Leipzig. E. A. Seemann. Zwölfter Band. Fiori-Fyt.

Über den jetzt vorliegenden zwölften Band dieses
Künstlerlexikons ist dasselbe Rühmliche zu sagen, wie
über seine Vorgänger: Genaueste wissenschaftliche
Arbeit und absolute Zuverlässigkeit, da die einzelnen
Paragraphen von den besten Kennern des Faches be-
arbeitet wurden. Wenn sogar jetzt während des Krieges
das Werk so rüstig fortschreitet und trotz aller Schwierig-
keiten keine Unterbrechung entsteht, so darf die glück-
liche Vollendung dieses grundlegenden Lexikons in einer
nicht zu grossen Reihe von Jahren erwartet werden.

153
loading ...