Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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PIERO DELLA FRANCESCA

VON

FRIEDRICH RINTELEN

Piero ist keine Entdeckung von heute oder
gestern; vor zwanzig und dreißig Jahren hat
man viel'von ihm gesprochen. Damals, als sich in
Europa eine Malerei ausbreitete, die sich aus den
Wirkungen des farbigen Lichtes ihren Ausdruck
schuf, wurde man auf ihn als einen der ersten
aufmerksam, der den Versuch gemacht hat, das
Licht, das die Körper sichtbar macht und kleidet,
darzustellen. Es war vielleicht ein wenig in der
vergänglichen Sprache der Zunft geredet, aber es
lag doch eine große Wahrheit darin, wenn man
von ihm sagte, er sei der erste Pleinairist gewesen.
Wer heute ein Publikum für ihn haben möchte,
wird andere Seiten von ihm mehr betonen. Es
nimmt uns deshalb nicht wunder, nur sagt es uns

Anmerkung der Redaktion: Die Abbildungen dieses
Aufsatzes sind einem bei Benno Schwabe & Co. in Basel er-
schienenen Werk entnommen worden: Piero della Francesca,
achtzig Tafeln mit einführendem Text von Hans Graber.
Über das schöne Buch soll nächstens noch im besonderen
berichtet werden.

.. . trattando Vombre cowe cosa Saida. Purg. XXL

nicht viel, wenn man den Pleinairisten uns nun
als einen „Expressionisten" kennen lehren will.
Aber was schadet ein Wort, und sei es auch das
absonderlichste, wenn nur die Sache, die es in
seiner wunderlichen Verhüllung bringt, gut ist,
und wenn der guten Sache die Aufmerksamkeit
damit gewonnen wird.

Und diese hier ist nun nicht nur etwas Gutes,
sondern etwas vom Eigenartigsten, was die euro-
päische Kunst überhaupt hervorgebracht hat. Zwar
man kennt und nennt den Piero della Francesca
selten. Er war ein Maler, der nicht nach einem
der großen Zentren gedrängt hat, sondern sein Ge-
nüge in einem eng umgrenzten Bezirke fand. In
großen Galerien trifft man nur auf Spuren seiner
Kunst; näher vertraut mit ihm wird man erst,
wenn man ihn in dem kleinen Arezzo oder gar
in seinem Vaterstädtchen Borgo S. Sepolcro auf-
gesucht hat. Daher bleibt er den meisten fremd.

Und es wäre noch die Frage, ob er, wenn er
leichter aufzufinden wäre,- im großen Publikum

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