Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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zeigt, wie sehr die Werke durch eine sinngemäße
Aufstellung, wie sehr die Sammlungen durch Ord-
nung und Auflockerung gewinnen. Gerade dieses
Museum braucht viel Raum und Luft, damit es
ganz werde, was es zu großen Teilen schon ge-'
worden ist und immer mehr zu werden ver-
spricht: ein Nationalmuseum, in dem der Deut-
sche sich angesichts seiner reich gegliederten,

eigenartigen und tiefdringenden Kunst fühlen
und mit Stolz sagen kann: dieses ist unserl
Der neue Leiter des Museums aber reiht sich
mit seiner Leistung den führenden Museumsleuten
nun an. Er beweist, daß man auch auf die
stille, entsagende, dienende Tätigkeit eines Kunst-
historikers das Wort vom heroischen Wollen an-
wenden darf.

J W. SCHÜLEIN, AUF DEM SEE

München.

Die schöne Stadt, die den Fremden mit einer
nur ihr eigenen Festlichkeit zu empfangen scheint
und in der man sich gleich wieder heimisch fühlt,
war in voller Bewegung. Hotels und Pensionen
waren überfüllt, die Kunstfreunde aber, die ich
gern gesprochen hätte, waren bei dem schönen
Wetter in die Berge gefahren. So konnte ich
nicht so ausführlich, wie ich es gewünscht hätte,
erfahren, wie die Münchener über ihre eigenen
Künstler und über deren Verhältnis zu den nord-
deutschen Kollegen denken. Was ich hörte, war
das Erwartete. Man sprach mit einiger Gereiztheit
von Berlin, es hieß, die Münchener Künstler
würden dort nicht richtig verstanden und un-
gerecht eingeschätzt. Und „Kunst und Künstler"
bekam auch sein Teil. Aus den Reden war her-
auszuhören: was eure Pechstein, Heckel, Kirchner,
Purrmann usw. sind, das sind unsere jüngeren
Maler schon lange 1 Und als ich fragte, wo ich

denn nun am besten meine Kenntnis der neuen
Münchener Kunst erweitern könne, wurde ich in
die Ausstellung der Neuen Sezession gewiesen.

Von vornherein will ich feststellen, daß sich
dort mein Urteil nicht grundsätzlich gewandelt
hat. Überraschungen habe ich nicht erlebt, neue
starke Persönlichkeiten nicht kennen gelernt. Da-
gegen hat mir das Zusammengehörigkeitsgefühl
dieser Künstler Eindruck gemacht.

Der am meisten genannteste und berühmteste
Maler der Gruppe, Karl Caspar, ist ein ernster
Künstler, dessen dekorative Begabung mehr innere
Größe und Tiefe sucht als sie von Natur hat,
und die auf schmalem Pfad zwischen Marees und
Münch, zwischen altmeisterlicher Anregung und
zeitgemäßer Ausdrucksweise dahinschreitet. Er
verwendet große Mühe auf wohlabgewogene Kom-
positionen, und dann auch wieder auf eine gefällige
malerische Auflockerung; er versucht es religiöse
Empfindungen, ja selbst naturalistische Stoffe tra-

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