Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 20.1922

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EDGAR DEGAS, BADENDE. BRONZE

PHOTOGRAPH: SCHWARZKOPF, ZÜRICH

UNSTAUSSTELLUNGEN

BERLINER
HERBSTAUSSTELLUNGEN
ii.

JURYFREIE KUNSTSCHAU
T^vaß die Kunst vielen, die ihr bisher fern standen, zur
' Lebensnotwendigkeit werde, ist das ideale Ziel der
Juryfreien Kunstschau Berlin', und im Kampf um dieses
Ziel liegt ihre volkswirtschaftliche Bedeutung." Dieser Satz
steht im Programmheft. Die vortrefflichen Leiter, die es
verstehen, die Ausstellungen von Jahr zu Jahr zu verbessern,
sind von dem, was er sagt, sicher tief durchdrungen. Der
Besucher aber fragt dagegen, während er die siebenundzwan-
zig Säle durchwandert, worin mehr als fünfhundert Künst-
ler oder solche, die es zu sein glauben, ausgestellt haben:
ist es wirklich ein Ziel, der hier entwickelten zähen Ener-
gie und Organisationskraft würdig, die Kunst, die in diesen
Ausstellungen das Niveau bestimmt, „zur Lebensnotwendig-

keit vieler zu machen", und der Kunst, wie es so oft heißt,
„eine breitere Basis" zu schaffen? In einem Punkt unter-
scheidet sich die Kunst von allen andern menschlichen Be-
schäftigungen. Jedem andern Beruf gilt die mittlere Tüch-
tigkeit viel; selbst in der Wissenschaft ist der subalterne
Hilfsarbeiter willkommen. In der Kunst aber gilt nur die
Spitzenleistung, es gilt nur das Meisterwerk. Das heißt:
es gibt nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Werken,
die sich an verhältnismäßig wenige Menschen wenden.
Wenn .sich die Kunst früher einmal scheinbar an alle ge-
wandt hat, so ist es unter Voraussetzungen geschehen, die
heute nicht mehr gelten und die sich mit unserm Aus-
stellungswesen nicht vergleichen lassen.

In dieser Ausstellung mag man an das denken, was
Lichtwark einmal über „den jungen Künstler und die Wirk-
lichkeit" geschrieben hat, über die völlige gesellschaftliche und
soziale Isolierung des Künstlers, trotz Ausstellungen, Kunst-
handel, Museen, Kunstzeitschriften und öffentlichem Kunst-

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